Entdeckungen am Lake Winnipeg

Leuchtturm auf Hecla Island

Kleine Wellen rollen sanft an den Strand. Eine leichte Brise weht vom Wasser herüber, doch sie schafft es nicht, die Hitze zu vertreiben. Wieder einmal wurde die 30-Grad-Marke geknackt und ich habe mich lieber in den Schatten verzogen. Am Horizont türmen sich ein paar Wolkenberge auf, am Abend wird es vielleicht ein kurzes Gewitter geben. Ein typischer Sommertag in Manitoba.

Hätte man mich hierher gebeamt, würde ich auf die Golfküste Floridas tippen: Weißer Sand, wohltemperiertes klares Wasser, junge Leute, die juchzend von einer schicken Motorjacht ins erfrischende Nass springen: subtropisches Feeling mitten in Kanada.

Karibisches Flair am Lake Winnipeg

Ich bin in Winnipeg Beach und genieße den Nachmittag am Strand. Was aussieht wie ein Meer ist der Lake Winnipeg, der zehntgrößte See der Welt. Das gegenüberliegende Ufer kann ich weder sehen, noch erahnen. Unübersehbar ist dagegen das Wahrzeichen des Ortes, ein historischer Wassertank auf geradezu irrwitzig hohen Beinen. Der versorgte die Dampfloks der Züge, die einst jedes Wochenende zehntausende Ausflügler hierher brachten.

Wahrzeichen von Winnipeg Beach: der irrwitzig hohe Wassertank

Denn der Ort Winnipeg Beach wurde im Jahr 1900 nur zu einem Zweck gegründet: es sollte ein Strandresort entstehen. Sir William Whyte, der damalige Präsident der Canadian Pacific Railway, hatte die Idee und Farmern Land abgekauft. Bahnschienen wurden verlegt, ein Bahnhof gebaut, innerhalb weniger Jahre entstanden Hotels, Konzert- und Tanzhallen, später kam ein großer Freizeitpark mit Achterbahn und Karrussels hinzu. Bis in die 1950er Jahre war Winnipeg Beach ein Erfolgsmodell. Dann änderten sich die Zeiten, immer mehr Leute hatten ein Auto, die Zahl der Freizeitmöglichkeiten stieg – 1961 fuhr der letzte Zug und 1964 schloss der Vergnügungspark. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, geblieben sind jedoch die schönen Strände.

Im Paradies

Das Städtchen Gimli liegt nur rund 20 Kilometer weiter nördlich und hat doch eine ganz andere Geschichte. Isländer haben es einst gegründet und ihm seinen Namen gegeben, der übersetzt Paradies bedeutet. Als am 21. Oktober 1875 die ersten isländischen Siedler mit ihren Booten nur etwas weiter südlich am Willow Point landeten, dürften sie sich allerdings nicht unbedingt wie in selbigem gefühlt haben – der Winter stand vor der Tür und den galt es erstmal zu überstehen.

The Landing – hier kamen die ersten isländischen Siedler mit ihren Booten an

Heute haben noch rund ein Drittel der Einwohner Gimlis isländische Wurzeln. Und damit ist es weiterhin die größte isländische Gemeinde außerhalb Islands. Das isländische Erbe wird geehrt und gefeiert. Dauerhaft mit dem New Iceland Heritage Museum, jeden August mit dem Iselndingadagurinn, dem Icelandic Festival of Manitoba. Auf der Hafenmauer erzählen regionale Künstler mit der Seawall Gallery in inzwischen 72 Gemälden die Geschichte der Region. Und über all das wacht ein riesenhafter Wikinger.

Hafenkunst – die Seawall Gallery in Gimli

Die Wikinger-Statue wurde 1967 anlässlich von Kanadas 100. Geburtstag aufgestellt

Nicht typisch isländisch, aber eine Institution in Gimli, ist Tergesen’s. Hier scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt. Es ist das älteste Geschäft der Stadt und seit seiner Öffnung 1899 in Besitz derselben Familie – den Tergesens. Eine Türglocke kündigt neuen Besuch an, sich über den alten, knarrenden Holzboden hereinzuschleichen wäre allerdings ohnehin unmöglich. Eine ältere Dame kommt lächelnd auf mich zu und begrüßt mich herzlich – jedenfalls vermute ich das.

Denn ich verstehe kein Wort. Blonde Haare, blaue Augen – da wurde ich gleich mal von Lorna Tergesen als Neuzugang in die isländische Gemeinde aufgenommen. Sie ist fast ein bisschen enttäuscht: „Aber es gefällt dir hier doch?“ Natürlich tut es das. Obwohl ihr Sohn inwischen das Geschäft leitet, ist sie noch regelmäßig im Laden. Kundschaft, Lorna verschwindet hinter den Tresen und der riesigen alten Kasse. Zum Abschied sagt sie, sollte ich es mir überlegen und doch auswandern wollen, sei ich hier herzlich willkommen.

Bei Tergensen’s gibt es fast nichts, was es nicht gibt

Hecla Island

Nördlich von Gimli wird die Landschaft langsam wilder. Mit Heather Hinam bin ich auf dem Weg nach Hecla Island. Die größte Insel des Sees haben die isländischen Siedler nach einem der aktivsten Vulkane ihrer Heimat benannt. Heather ist – ich muss sagen unter anderem – Biologin, Umweltschützerin, Tour Guide und kennt die Gegend fast besser als ihre Westentasche.

Wir haben am Leuchtturm vor der Insel angehalten, der bis 1972 im Dienst war. Dann wurde die Fähre durch einen Damm ersetzt und Hecla Island quasi zu einer Halbinsel. Heather holt eine Karte raus und erklärt mir, was sie für heute vorhat. Kurz zusammengefasst: es geht einmal die gesamten 26,5 Kilometer am Ostufer entlang. Zu allen Landschaften, die sich hier vereinen: Nadel- und Mischwälder, Sumpfgebiete, Marschen, Feuchtwiesen, Kalksteinklippen, Sandstrände.

Nicht weniger vielfältig ist die Tierwelt. Das kann zu interessanten Begegungen führen, erzählt mir Heather bei unserem nächsten Stopp: „Als ich einmal auf dem Black Wolf Trail unterwegs war, standen plötzlich zwei junge Wölfe vor mir. Wir haben uns verdutzt angeguckt, dann sind die beiden weitergezogen“.  Auch Schwarzbären treiben sich auf der Insel herum und es gibt rund 25 Elche. Dann zeigt sie auf etwas hinter mir. Auf einer Kiefer thront wie eine überdimensionierte Weihnachtsbaumspitze ein Weißkopfseeadler.

Weißkopfseeadler als Tannenbaumspitze

„So ein schöner Vogel, aber sein Ruf klingt erbärmlich“, sagt Heather. Als wäre der Greif ob dieser Respektlosigkeit beleidigt, breitet er seine mächtigen Schwingen aus und schwebt elegant hinaus auf den See. Dort dreht gerade ein Geschwader Weißer Pelikane im Formationsflug seine Runden. Beim Blick auf die Felsküste mit den raschelnden Birken am Ufer erinnern mich fast nur sie daran, dass wir uns nicht in einer skandinavischen Schärenlandschaft befinden.

Einmal Seele baumeln lassen, bitte

Aber eben nur fast. Denn das Ostufer von Hecla Island wurde nicht von Gletschern rund geschliffen. Es wirkt vielmehr so, als würde es ständig umgestapelt. Diese Kalksteinschichten wurden von dem tropischen Meer geschaffen, das vor 450 Millionen Jahren Lebensraum für Ammoniten und urzeitliche Tintenfische war. Deshalb lohnt es sich, hier und da mal genauer hinzuschauen, denn ihre Fossilien werden nun vom Gestein wieder freigegeben.

War hier vor Millionen von Jahren unterwegs…

The Quarry heißt dieser Ort, von dem ich mich nicht wieder losreißen kann. Es ist einfach zu perfekt: die Sonne, die sanfte Brise, der Blick über den See, das Rascheln der Birkenblätter – wir sitzen auf den riesigen Kalksteinfelsen und lassen die Seele baumeln. Das funktioniert nicht nur wegen der tollen Landschaft ganz prima, wir bleiben die ganze Zeit auch unter uns.

Wie aufgestapelt – die Kalksteinfelsen am Ufer des Lake Winnigpeg

Hecla Island – ein „Hidden Gem“

1876 ließen sich die ersten isländischen Siedler auf Hecla Island nieder, in den besten Zeiten lebten 500 Menschen auf der Insel. Heute sind es nur noch 13 Familien. Die Fischerei lohnte sich irgendwann nicht mehr und das Farmland war nie besonders fruchtbar. Hecla Village wurde langsam zu einem „Geisterdorf“, die Gebäude verfielen. Dann wurde der Hecla Island/Grindstone Provincial Park eingerichtet und das hat Einiges zum Besseren gewendet.

Doch ein boomendes Touristenziel ist Hecla Island trotzdem nicht geworden, es liegt einfach zu weit entfernt von den üblichen Routen. Beschaulich charakterisiert die Atmosphäre daher in Hecla Village recht gut. Die meisten der schönen Holzhäuser sind restauriert worden, hier und da ziehen auch wieder Leute ein. Es gibt einen kleinen Laden und in der ehemaligen „Fish Station“ ein winziges Fischereimuseum, das jedoch nur unregelmäßig geöffnet hat – uns bleibt nur der Blick durch die Fenster.

Frisch renoviert – auf Hecla Island kehrt wieder Leben ein

Die Natur hat bekanntermaßen jedoch immer geöffnet. Wir fahren weiter Richtung Norden nach Gull Harbour, dem touristischen Zentrum von Hecla Island. Hier gibt es eine Marina, ein Resort und einen Campingplatz. Aber auch den Lighthouse-Trail, ein schöner Wanderweg, der durch einen kleinen Wald zur Spitze einer Landzunge führt. An dessen Ende erwarten uns – natürlich – zwei Leuchttürme, eine traumhafte Bucht – und wieder ganz viel Ruhe.

Blick auf Gull Harbour

Wie Pat und Patachon – die Leuchttürme am Lighthouse Trail

Wir machen uns auf den Rückweg nach Gimli, doch vorher noch einen letzten Stopp auf Hecla Island. In der Grassy Narrows Marsh könnte es die Chance geben, einen Elch zu sehen. Hoffnungsfroh eile ich über den Plankenweg, doch, nun ja, es ist nun mal kein Zoo. Kein Elch weit und breit. Doch Wildlife ist Wildlife, ein Frosch gehört genauso dazu und macht mich auch froh.

Der Weg in die Grassy Narrow Marsh auf Hecla Island

 

Es ist schon Abend, als wir über den Damm zurückfahren und wieder am Leuchtturm vorbeikommen. „Komid Aftur“, komm wieder, steht auf der Rückseite des Schildes. Ja, das kann gut sein, denke ich.

Komm wieder lautet die Aufforderung beim Verlassen von Hecla Island

Eine Oase der Natur

Für mich ist nun jedoch erst einmal Zeit Abschied zu nehmen. Der Riding Mountain Nationalpark erwartet mich. Der Weg führt durch die Interlake-Region, eingerahmt vom Lake Winnipeg auf der einen und dem Lake Manitoba auf der anderen Seite. Vor allem im Süden hat die Landwirtschaft das Sagen. Wie überall auf der Welt wurde das Land den Ansprüchen der Menschen angepasst.

Doch es gibt sie auch hier noch, die wilde Natur, und das ist mir einen kleinen Umweg wert. Die staubige Straße ist lange Zeit von Acker- und Weideflächen gesäumt, doch plötzlich taucht am Straßenrand ein Warnschild mit einer Entenfamilie auf. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert, doch genauer hingesehen, entpuppt sich das Grün als eine Landschaft aus wogendem Schilf und Gras. Es ist die Oak Hammock Marsh, eine Oase der Natur inmitten von Feldern.

Achtung! Entenfamilie kreuzt!

Auf dem Parkplatz ist jetzt am späten Nachmittag nicht mehr viel los, im Sommer schließt das Besucherzentrum schon um 16:30 Uhr. Denn Hochsaison ist im Herbst, wenn hier hunderttausende Wasservögel Rast machen. Spätes Erscheinen hat Vor- und Nachteile. Leider klappt es heute nicht mehr mit der geführten Kanutour.

Da möchte man doch gleich lospaddeln

Die Marsch habe ich jedoch fast für mich, denn auf den Wanderwegen und Holzstegen ist kaum noch jemand unterwegs. Das genießen auch die putzigen Präriehunde, die nahe des Besucherzentrums eine kleine Kolonie gegründet haben.

Präriehund in der Oak Hammock Marsh

Einfach süß – vorwitziger Präriehund

Die Oak Hammock Marsh ist ein Ort der Ruhe mit großen Wasserflächen, Schilf und Gräsern, durch die sanft der Wind rauscht. Das heißt jedoch nicht, dass es leise ist. Es schwirrt und surrt und brummt überall. Hummeln, Libellen, Schmetterlinge, Grillen, Grashüpfer sind in Hundertschaften unterwegs. Belauert von allerlei Vögeln, die in ihnen nur die nächste Mahlzeit sehen.

Ein furchtloser kanadischer Regenpfeifer – ließ sich von mir überhaupt nicht beeindrucken

Überall raschelt es, die Frösche quaken um die Wette, ein Bisam zieht im Wasser gemächlich seine Bahnen und die in Manitoba unvermeidlichen Pelikane rauschen im Tiefflug über ihn hinweg. Nach zwei Stunden tauche ich aus dem Meer aus Schilf wieder auf und schlendere zum Parkplatz. Dort erwartet mich schon eine ganze Horde Gelbkopfstärlinge. Man sollte doch die Kamera nicht zu früh in den Rucksack packen!

Sammeln sich im Abendlicht auf den Bäumen: Gelbkopfstärlinge

Tipps und Infos

Wann reisen? Reisezeit ist von Mitte Mai bis September. Im Juli und August steigt das Thermometer häufig über 30 Grad Celsius. Der Juni bietet frühsommerliches Wetter mit Temperaturen um die 20 Grad. Im September und Mai kann es auch kühlere Tage geben

Übernachten: In Gimli gibt es mehrere Hotels. Ich habe im Lakeview Resort Gimli direkt am  am Lake Winnipeg übernachtet. Beliebt auf Hecla Island: Solmundson Gesta Hus B&B, in einem der restaurierten Häuser.

In den Provincial Parks der Region ist nicht nur Camping möglich, es werden auch Hütten oder Yurten vermietet: Camp Morton Provincial Park, acht Kilometer nördlich von Gimli, Hütten ab 72,10 CAD/Nacht und Yurten 56,50 CAD/Nacht; Hecla/Grindstone Provincial Park, Hütten ab 38,10 CAD/Nacht. Schlafsack o.ä. sowie Kochutensilien müssen selbst mitgebracht werden, www.manitobaparks.com

Restaurants: Kris‘ Fish & Chips, Gimli, gute Adresse für das „Nationalgericht“ Pickerel (Hecht)

Ansehen: New Iceland Hertitage Museum in Gimli. Eintritt 7 CAD, Familienkarte 15 CAD, Kinder unter 6 Jahren frei.

Baden: Schöne Strände in Winnipeg Beach und in Gimli.

Veranstaltungen: Gimli Filmfestival im Juli mit kanadischen und internationalen Produktionen, natürlich auch aus Island; Icelandic Festival of Manitoba „Islendingadagurinn“ feiert vom 01.-04. August 2014 sein 125-jähriges Jubiläum, www.icelandicfestival.com

Touren: Die Biologin und Umweltschützerin Heather Hinam bietet mir Ihrem Unternehmen Second Nature individuell zugeschnittene Touren rund um den Lake Winnipeg und nach Hecla Island

Oak Hammock Marsh: Öffungszeiten des Besucherzentrums 10 bis 16:30 Uhr, Erw. 8 CAD, Ki. 6 CAD, Familienkarte 26 CAD. Das Schutzgebiet kann auch außerhalb der Öffnungszeiten erkundet werden, www.oakhammockmarsh.ca

Information: Travel Manitoba, Interlake Tourism Association

Überraschung am Wegesrand: Kanadakraniche

Hier war ich vorher: Winnipeg, Churchill (Belugas), Churchill, Sunflower Capital Altona

Die Reise wurde unterstützt von Travel Manitoba. Alle Gedanken und Eindrücke sind jedoch meine eigenen.

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