Das Leben des Elefantenflüsterers Lawrence Anthony

Der Elefantenflüsterer Lawrence Anthony mit seinem Elephanten Nana auf Thula Thula

Lawrence mit Nana, der Protagonistin seines Tatsachenromans „Der Elefantenflüsterer“ © Malby-Anthony privat

Es war der 03. März 2012, als in der Nacht eine Email auf meinem Laptop aufblinkte, bevor sie im Posteingang verschwand. Ich befand mich gerade in einer kreativen Phase, war also noch hellwach, und der Text, an dem ich arbeitete, schrieb sich praktisch von selbst.  Doch die kurze Meldung, die da auf Englisch vor meinen Augen aufgeflackert war, konnte ich einfach nicht verstehen. Ich öffnete sie und las sie ein zweites und drittes Mal:

Lawrence ist gestern nach einem Herzinfarkt verstorben. In tiefer Trauer, Françoise

Eine Gänsehaut kroch langsam meinen Rücken hinunter. Lawrence Anthony – der mehrfach ausgezeichnete südafrikanische Tier- und Umweltschützer? Der Elefantenflüsterer? Unmöglich! Der Typ war ein Bär von einem Mann. Groß, kräftig, furchtlos. Jemand, der das Abenteuer, die Herausforderung liebte. Einer, der die Dinge anpackte, der die Welt bewegte und unbesiegbar schien.

Traum-Safari mit Südafrikas Indiana Jones

Ich hatte Lawrence ein Jahr zuvor auf meiner Reise durch das südafrikanische KwaZulu-Natal kennengelernt. Da war er gerade 60 geworden und strotzte nur so vor Energie. Schön und strahlend wie ein Sonnenaufgang über der Savanne war an seiner Seite Françoise erschienen, seine aus Frankreich stammende Ehefrau. »The Beauty and the Beast«, hatte ein Journalist über das Paar geschrieben. Er war wohl ein Neider. Oder ein schlechter Beobachter. Denn auch wenn Lawrences Schönheit nicht offensichtlich war, zeigte sie sich doch innerhalb weniger Minuten. Sie lag in seiner Seele, die sich wie ein Leuchtfeuer in seinen Augen spiegelte, als er mich kurz darauf in seinem Jeep mit auf Safari nahm.

Auf der Suche nach einer guten Story war ich auf Lawrences Buch »Der Elefantenflüsterer« gestoßen. Darin erzählt er die wahre und absolut herzzerreißende  Geschichte seiner wilden Elefantenherde (Meine Rezension zu dem Bestseller findet ihr unter »Tipps / Lesestoff«).  Nach der Lektüre war sofort klar, dass ich Nana und Frankie, die tierischen Heldinnen dieses Romans, in ihrem Zuhause auf Thula Thula besuchen würde. Drei Wochen später war ich dann auch schon vor Ort, und es sollte nicht bei diesem einen Besuch bleiben.

Werbefilm zu L. Anthonys Buch »Der Elefantenflüsterer«

Thula Thula – das Elefantenparadies

Das private Tierschutzreservat von Lawrence und Françoise liegt knapp zwei Autostunden von Durban entfernt mitten im Zululand. Es ist eine imposante Wildnis, die sich da vollkommen unvermutet hinter endlos erscheinenden Eukalyptusbaumplantagen und Zuckerrohrfeldern auftut.  Versteckt und auf den ersten Blick eher unprätentiös findet der Gast dort ein wunderschön ausgestattetes 5-Sterne Resort und ein Luxus-Zelt-Camp. Ich war fasziniert, vor allem, als dann auch noch die berühmte Elefantenfamilie plötzlich vor uns aus dem Dickicht auftauchte. Doch Lawrence winkte ab. »Mein Ziel ist erst erreicht, wenn alle Grenzzäune bis hin zum Hluhluwe Nationalpark abgebaut sind und Nana und Frankie mit ihren Nachkommen zumindest einen Teil ihrer uralten Wanderpfade wieder nutzen können.« Das klang wie kompletter Größenwahn, wenn man weiß, um welch gigantische Fläche es dabei ging. Doch ich hatte ein wenig recherchiert und wusste, dass dieser Mann nicht zu denen gehört, die nur hohle Reden schwingen.

Die Herde des Elefantenflüsterers Lawrence Anthony, the elephant whisperer ce Anthony

Glücklich im neuen Zuhause: Frankie mit einem Teil der Nachkommen auf Thula Thula © Regina Fischer-Cohen

Die Rettung der Zootiere von Bagdad

2003, unmittelbar nach der US-Invasion im Irak, hatte Lawrence weltweit für Schlagzeilen gesorgt, als er den Tieren im zerbombten Zoo von Bagdad mit einer beispiellosen Rettungsaktion zur Hilfe geeilt ist. Nur fünfunddreißig Kreaturen hatten im einst größten Zoo des Mittleren Ostens überlebt. Darunter Löwen, Tiger und Bären. Eingesperrt waren sie in ihren Käfigen fast verhungert und verdurstet. »Für einen Moment dachte ich, es wäre das Humanste, sie mit dem Gewehr zu erlösen«, beschreibt Lawrence die Situation in seinem ersten Roman »Babylon’s Ark«, der leider nur auf Englisch erschienen ist. Es ist eine bewegende Geschichte, deren glückliches Ende zeigt, was ein einzelner couragierter Mensch alles bewirken kann. Genau der Stoff, aus dem Hollywood Filme macht. Und so hat sich  ein US-Produzent die Rechte daran dann auch umgehend gesichert – wie es später auch bei Lawrences zweitem Buch geschah.

Babylon´s Ark

Die Rettung der Zootiere von Bagdad – ein Tatsachenroman von  L. Anthony

Lawrences Kampf um die letzten Nashörner

Fortan wurde Lawrence mit Auszeichnungen und Ehrungen überschüttet, und manch einer wäre bei so viel Ruhm abgehoben. Er jedoch saß mir am ersten Abend bescheiden gegenüber und sagte: »Wenn du mir einen Gefallen tun willst, schreib nicht über mich, schreib über unsere wundervollen Elefanten, diese allwissenden, fürsorglichen Wesen. Und schreib über The Earth Organization.« Letzteres war ihm ein ganz besonderes Anliegen, denn die von ihm gegründete gemeinnützige Organisation setzt sich mit einem internationalen Expertenteam weltweit für kritische Tier- und Naturschutzbelange ein. Und es gab noch etwas, das ihm schwer am Herzen lag: die brutale Wilderei auf Nashörner, bei der es den Mördern nur um das Horn geht, das teurer als Gold gehandelt wird, weil die Asiaten es unsinniger Weise als Potenz- und Wunderheilmittel betrachten.  2006 hatte Lawrence sich deswegen  noch einmal auf eine waghalsige Expedition begeben. Sie führte ihn in einen der blutigsten Bürgerkriege, hin zu den gefürchteten Kindersoldaten im kongolesischen Dschungel. Es war sein verzweifelter Versuch, die letzten Breitmaulnashörner im Kongo zu retten. Mit der Veröffentlichung seines Buches »The last Rhinos«, im April 2012, sollten die ersten Hilfsfonds zur Rettung der Nashörner in KwaZulu-Natal generiert werden. Er selbst hat dies nicht mehr erleben dürfen.

Thula Thula - Auffangstation für verwaiste Nashörner, Thula Thula rhino orphanage

Lawrence mit Thabo und Ntombi. Die beiden Nashörner wurden als Babys auf Thula Thula aufgepäppelt, nachdem Wilderer ihre Mütter brutal abgeschlachtet hatten.  © Regina Fischer-Cohen.

Ein Abschied für immer, jenseits von Zeit und Raum

Zwei Tage nach Lawrences Tod schrieb mir Françoise, dass sich die gesamte Elefantenherde vor ihrem Haus versammelt hätte. So wie die Tiere es auf magische Weise jedes Mal getan hatten, wenn Lawrence von einer seiner Reisen zurückgekehrt war. Das war ihre Art, den Mann zu ehren, der sie einst vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Nach einem zwöfstündigen Marsch durch die Wildnis waren sie diesmal gekommen, um sich von ihrem einstigen Retter für immer zu verabschieden und ihn wie einen der ihren zu betrauern.

Und ich? Als ich Lawrences Tod in jener Nacht verinnerlicht hatte, schossen mir die Tränen wie eine Sintflut übers Gesicht. Und ich spürte diesen unsäglichen Schmerz, der mich innerlich fast zerriss. Es war total verrückt.  Françoise und Lawrence hatten mir zwar nah gestanden, aber so nah nun auch wieder nicht. Ich war schockiert, geradezu verärgert über meine eigenen Emotionen, die ich nicht mehr unter Kontrolle bekam. Wie, um Himmels Willen, war so etwas möglich? Heute weiß ich: Mir fehlten damals die feinen Antennen, die  – wie Lawrence herausgefunden hatte – den Elefanten eine Kommunikation über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg ermöglichen. Mit ihnen hätte ich vielleicht erspüren können, dass das Universum mich in diesem Moment auf mein eigenes Schicksal vorbereitet hat. So aber deutete absolut nichts darauf hin, dass ich selbst schon bald meinen Mann verlieren und viel zu früh zur Witwe werden sollte.

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