Abtauchen in Churchill – bei den Walen der Hudson Bay

Boulder Beach in ChurchillArktischer Traumstrand: der Boulder Beach in Churchill

Das Wetter ist schon fast unverschämt gut: knallblauer Himmel, kein Wölkchen, leichter Wind. Die Arktis zeigt sich im Norden Manitobas gerade von ihrer sanften Seite. Mit einem recht übersichtlichen Stadtplan stehe ich vor meiner Unterkunft, der Lazy Bear Lodge. Die ist am Kelsey Boulevard, der „Hauptstraße“ von Churchill. Ich will ans Wasser. Zum Boulder Beach an der Hudson Bay sind es laut Plan von hier nur ein paar hundert Meter.

Außer mir ist niemand zu sehen. Das kanadische Städtchen Churchill ist ruhig und unspektakulär. Kein Wunder, liegt es doch abgeschieden in „The Middle of Nowhere“. Hierher führt keine Straße. Und doch mag ich es irgendwie – es ist diese ganz eigene Atmosphäre des hohen Nordens. Stiller, Geräusche wirken gedämpft, die Luft klar, das Licht ungebrochen.

St. Pauls Churchill

Die St. Pauls Anglican Church – und der Himmel ist nicht gephotoshopt

Die Seitenstraße führt einen kleinen Hügel hinauf, oben steht strahlend weiß die kleine St. Pauls Kirche. Auf der anderen Seite geht mein Blick auf die weite Hudson Bay mit ebenso strahlend weißen Schaumkronen auf den Wellen. Unten am Boulder Beach hole ich mein Fernglas aus dem Rucksack und schaue hinaus aufs Wasser. Von wegen Schaumkronen – das Weiße ist lebendig. Es sind Belugas. Ihretwegen bin ich hier.

Den Winter verbringen die Belugas im offenen Meer, da dann die Hudson Bay zufriert. Im Mai kehren sie für rund vier Monate zurück. Zehntausende der weißen Wale halten sich den Sommer über in der Hudson Bay auf. Genauer gesagt rund 57.000 – ein Drittel der Weltpopulation. Gerne würde ich runter ans Wasser gehen, ein bisschen am Meer durch den Sand schlendern und einen näheren Blick riskieren. Doch ich traue mich nicht. Die Warnschilder sind unmissverständlich: bis hierher und nicht weiter. It’s Polar Bear Country!

Eisbär Warnschild

Im Winter versammeln sich hier hunderte Eisbären und warten auf das Zufrieren der Hudson Bay. Jetzt im Sommer streunen sie herum – doch es könnte schon hinter dem nächsten Felsen unbemerkt ein Eisbär liegen. Selbst alleine in der Gegend herumstreunen, wie es sonst so meine Art ist, fällt in und um Churchill herum aus. Es dürfte jedoch keine Überraschung sein, dass ich nicht nach Churchill gekommen bin, um die Belugas von Weitem durchs Fernglas zu bewundern. Wenn alles gut läuft, werde ich ihnen noch sehr, sehr nahe kommen.

Kalter Ritt über die Wellen – Ausflug zum Seal River

Es ist sechs Uhr morgens. Unsere kleine Gruppe steht am Ufer der Hudson Bay, dort wo der Churchill River in die Bay mündet. Wir sehen alle aus wie Michelin-Männchen. Denn Wally, Eigentümer der Lazy Bear Lodge und unser Guide für heute, hat uns in „Überlebensanzüge“ gesteckt. Wir werden nämlich gleich in einem Boot über die südliche Hudson Bay fahren. Rund 45 Kilometer bis zum Seal River. Wie sich herausstellt, rasen wir eher über die Bay. Mit einem Affenzahn springt das Boot über die Wellen, irgendwann ist das Festland nur noch zu erahnen. Hier möchte ich wirklich nicht über Bord gehen. Und trotz blauem Himmel und Sonne ist der Wind eiskalt.

Churchill Ausflug zum Seal River

Nicht ohne meinen Überlebensanzug: vor der Fahrt zum Seal River

Nach einer knappen Stunde drosselt Wally den Motor. Wir sind da. Und es gibt gleich eine Überraschung: ein Eisbär kreuzt schwimmend unseren Weg. Wally fährt langsam auf ihn zu, umkreist in halb. Wir machen Fotos – und umkreisen den Eisbären ein weiteres Mal und ein drittes Mal. Dieser schnaubt und wirkt irritiert. Ich bin das auch, packe meine Kamera weg. „Sollten wir ihn nicht besser ziehen lassen?“, frage ich etwas schüchtern. Dem Eisbären mache das nicht viel aus, versichert Wally mir. Die Bären sind gute Schwimmer, haben eine dicke Fettschicht, die sie trägt. Wir drehen ab, damit bin ich zufrieden, aber ansonsten nicht wirklich überzeugt. Gut, diese eine Begegnung mit unserem Boot wird auf den Eisbären wahrscheinlich wirklich keine Auswirkung haben. Aber ich mag mir nicht vorstellen wie es wäre, wenn es hier mehr Boote wie unseres geben würde.

Churchill Eisbär Hudson Bay

Eisbär in der endlosen Hudson Bay: wo will er wohl hin?

Die Belugas haben es da besser. Wird es ihnen zuviel, tauchen sie einfach ab. Doch außer uns ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Von daher sind wir eine Attraktion. Langsam tuckern wir weiter Richtung Festland und es dauert keine Minute, da ist das Boot schon von Belugas umzingelt. Vor allem die Kleinen riskieren immer wieder gerne einen Blick.

Belugas in der Hudson Bay

Da kommen sie: Belugas sind schnelle Schwimmer – auf dem Foto bleibt da manchmal nur noch eine Ahnung von ihnen…

Churchill Beluga Jungtier

„Umschauen“ – das ist ganz typisch für die neugierigen Belugas

Wally macht den Motor aus, die Kühltasche auf und verteilt ein zweites Frühstück. Zur Untermalung lässt er ein Hydrophon ins Wasser. Sandwich bei Beluga-Gesang – die Wale werden auch die Kanarienvögel des Meeres genannt und zwitschern lautstark vor sich hin. Das können wir manchmal sogar über Wasser hören. „Die Belugas sind nicht nur extrem kommunikativ, sondern auch sehr neugierig. Wir haben schon so manches Hydrophon an sie verloren“, erzählt Wally. Ich glaube das bei einem Blick ins Wasser sofort.

Churchill Hudson Bay Whale Watching

Zweites Frühstück beim Whale Watching

Erwachsene Belugas sind wirklich strahlend weiß. Hier gut zu sehen: die „Melone“

Hudson Bay Belugas

Wie bei uns – die Kleinen sind besonders neugierig

Die Belugas sind gerne hier im Bereich des Seal River, da das Wasser flacher und voller Pools ist. So sind sie vor den Orcas relativ gut geschützt, erklärt uns Wally. Allerdings haben das auch die Eisbären mitbekommen: „Es passiert immer wieder, dass Belugas sich verschätzen und bei Ebbe nicht rechtzeitig aus einem der Pools herausschwimmen. Dann sind sie darin gefangen und leichte Beute.“

Eisbär am Seal River in der Hudson Bay

Wartet auf fette Beute. Ach nö, denke ich. Aber: Eisbären wollen schließlich auch leben…

Eisbär an der Hudson Bay

Wenn keine Robbe oder kein Wal vorbeikommt, tun es notgedrungen auch ein paar Wasserpflanzen

Eiskaltes Abenteuer

Waltag Nr. 2 – ich sitze beim Frühstück und bin aufgeregt. An der Rezeption habe ich mir schon das Wetter vorhersagen lassen: Sonne und Wolken, etwas Wind. Gute Bedingungen, das bedeutet, ich werde gleich abgeholt. Nach dem Frühstück warte ich in der gemütlichen Lobby, die Tür geht auf und Gerald kommt rein. Mit ihm war ich schon auf einer „Culture & Heritage Tour“ unterwegs. „Are you ready for your adventure, my dear?“ Wir gehen raus, außer mir ist niemand zu sehen. „Wo sind denn die anderen?“, frage ich. „Du hast heute sozusagen eine Privattour“, antwortet Gerald und grinst. Oha, mir wird ein bisschen anders. Unten an der Hudson Bay heißt es umziehen. Gerald hält mir einen schwarzen Ganzkörperanzug hin. Der ist ja ganz schön dünn, sage ich. Die Luft darin wird dich warmhalten, beruhigt mich Gerald.

Schnorcheln mit Belugas in der Hudson Bay

Sieht nicht so aus, aber schützt vor der Kälte: der Arctic Suit

Also reingequetscht in den Arctic Suit und ab ins Boot. Wir fahren hinaus in die Hudson Bay. Nach ein paar Minuten stoppt Gerald: „Hier versuchen wir es.“ Ich stehe auf, setzte meine Schnorchelmaske auf, atme noch einmal tief durch – und lasse mich in das nur 3 Grad kalte Wasser gleiten. Der Anzug bläht sich auf, das macht ein bisschen unbeholfen, hält aber tatsächlich erst einmal warm. Nach kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt und fange an, vom Boot wegzuschwimmen. Plantsche hierhin, plantsche dorthin, doch die Belugas lassen sich bei mir nicht sehen. Ich bin ganz alleine in der weiten, kalten und nicht gerade menschenfreundlichen Wasserwelt. Nach ein paar Minuten blicke ich auf und sehe, dass Gerald mich heranwinkt. Rein ins Boot, neuer Versuch. So geht das noch zwei Mal. Beim dritten Mal sind wir im Churchill River angekommen.

Gerald ist ein bisschen beunruhigt: „Die Belugas sind zurückhaltender als sonst. Da ist was passiert. Vielleicht ein Angriff durch Orcas. Aber gestern Nacht haben wir hier auch Boote gehört.“ Es gibt sie noch, die Jagd auf Belugas. Das Vertrauen der Wale scheint fürs Erste dahin. Trotzdem geht es für mich noch einmal in das eiskalte, etwas trübe Wasser. Vor lauter Schnorchelei merke ich dann gar nicht, was sich bald um mich herum abspielt. Schließlich blicke ich hoch – und direkt auf einen großen weißen Walrücken.

Belugas Hudson Bay

Ooops – Wal voraus!

Ich drehe mich zum Boot um und sehe Gerald mit meiner Kamera. Er hat sie sich aus meinem Rucksack geschnappt, nimmt das Schauspiel auf. Und ich bin mal wieder mittendrin, statt nur dabei. Zu Zweit, zu Dritt, zu Viert drehen die Belugas sich auf den Rücken und schwimmen verkehrt herum unter mir durch, damit sie das unförmige Etwas da oben an der Wasseroberfläche besser betrachten können. Ich höre sie zwitschern und wie sie mich anklickern. Auf Armeslänge ziehen sie an mir vorbei, sie sind einfach überall. Es ist unbeschreiblich. Ich bin glücklich. Und dankbar, dass diese wunderbaren Wesen mich wahrnehmen.

Schnorcheln mit Belugas in der Hudson Bay

Ich ahne nicht, was da auf mich zukommt…

Schnorcheln mit Belugas im Churchill River

Fünf gegen eine ist ja eigentlich ein bisschen unfähr…

Schnorcheln mit Belugas im Churchill River

Es sieht zwar so aus, aber hier ist niemand auf Konfrontationskurs

Hudson Bay Schnorcheln mit Belugas

Einfach schauen und staunen

Ich vergesse total die Zeit, doch irgendwann beginnt mein Körper Warnsignale zu senden. Mir ist klar, ich muss aus dem kalten Wasser raus. Zurück im Boot kann ich gar nicht aufhören zu zittern. Gerald strahlt. Ich auch.

Es stürmt – und das lässt mich gar nicht kalt

Am nächsten Tag bahnt sich ein Drama an. Kein allgemeines, sondern eines für mich: es ist stürmisch. Und das bedeutet: keine Kajaktour. Man könnte ja meinen, ich würde irgendwann genug von den Belugas bekommen. Dazu kann ich nur sagen: niemals! Ich bin verzweifelt. Denn: Kajaktouren können nicht einfach so verschoben werden, sie sind – neben dem Wetter – auch noch abhängig von Ebbe und Flut. Selbst wenn der Wind nachlassen würde, für heute war’s das. Und morgen vormittag werde ich Churchill verlassen. Doch dann treffe ich in der Lobby zwei Kanadierinnen von der Seal River-Tour und sie haben eine frohe Botschaft zu verkünden: passt das Wetter, können wir am nächsten Morgen um 5 Uhr ins Kajak steigen.

Kajaks an der Hudson Bay

Also Wecker auf 4 Uhr gestellt, aufgewacht, nach dem Wind gelauscht und nichts gehört. Perfekt. Durch die Stille des Morgens fahren wir ans Wasser. Steigen in die Kajaks und paddeln los, den Churchill River hinauf. Es ist windstill und so friedlich. Die Belugas ziehen in kleinen Grüppchen vorbei. Strahlend weiß die Erwachsenen, grau die Halbstarken. Plötzlich höre ich hinter mir ein Prusten und Schnaufen. Ich drehe mich um, und da schwimmen doch tatsächlich drei Belugas in meiner Heckwelle. Unverschämt grinsend, bilde ich mir ein und fühle mich ganz schön veräppelt. Trotzdem gebe ich alles und paddele so schnell ich kann. Die drei scheinen sich zu amüsieren, denn sie bleiben dabei. Bis ich nicht mehr kann. Ein letztes Prusten und sie tauchen ab.

Etwas später heute werde ich Churchill und die Belugas verlassen. Ich fühle mich wie damals, als ich ganz klein war und mein Vater mich durch die Luft gewirbelt hat. NOCHMAL! habe ich dann begeistert gekreischt. Nochmal!, denke ich auch jetzt.

Da ich keine Unterwasserkamera dabei hatte, gibt es hier einen tollen Eindruck von dem, was ich beim Schnorcheln erlebt habe: Beluga Whale Cam. Ton anstellen nicht vergessen!

Und was es sonst noch in Churchill zu sehen und erleben gibt, wie ihr hinkommt und was es kostet, erzähle ich euch dann hier.

Miss Piggy Churchill

Eine der Attraktionen von Churchill: Miss Piggy

Meine Reise wurde unterstützt von Travel Manitoba.

2 Kommentare

  1. Wow! Was für ein Erlebnis! Toll! Die Fotos mit dem Eisbären und den Belugas sind der Hammer!!! …die anderen Fotos sind natürlich auch schön 😉

    • Danke, da spüre ich Begeisterung… 🙂 Ja, die Wale vom Boot aus zu beobachten ist schon toll. Aber ihnen dann in „ihrem“ Element zu begegnen, ist unbeschreiblich. Bin sehr froh, dass Gerald so beherzt meine Kamera geschnappt hat. Darüber hatte ich nämlich mit ihm vorher vor lauter Aufregung gar nicht gesprochen…

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