Churchill – ein herzliches Willkommen mit dem Gewehr im Anschlag

Churchill Eisbären WarnschildDie Warnungen sollte man besser ernst nehmen - auch, wenn die Landschaft noch so verführerisch ist

Guter Guide, böser Guide. Gerald wechselt zwischen beiden Rollen mit Leichtigkeit. Eben noch hat er uns freundlich und charmant willkommen geheißen. Nun hat er ein Gewehr in der Hand und schaut finster drein. „Wenn ich sage, bitte zurück in den Bus, dann macht das bitte sofort. Ich möchte keinen Eisbären erschießen müssen, nur weil einer von euch noch das ultimative Foto machen will.“

Peng, das hat gesessen. Ich gelobe mir selbst im Falle eines Falles sehr vernünftig zu sein. Denn das nördliche Manitoba an der Hudson Bay ist Eisbärenland. Gerade jetzt im Sommer kann überall zwischen den Felsen einer von ihnen herumstreunen. Die entsprechenden Warnschilder hatte ich ja schon unten an der Küste gesehen.

Eisbär in Churchill

Kann jederzeit zwischen den Felsen auftauchen – ein Eisbär

Ich bin also bereits eingenordet, als Gerald uns seine kleine Standpauke hält. Los geht’s in dem etwas klapprigen Bus auf eine Reise durch die Geschichte und Geschichten. Im Jahr 1610 segelten erstmals Europäer in die Hudson Bay. Dem englischen Kapitän Henry Hudson war das jedoch nicht bewusst. Er war auf der Suche nach der Nord-West-Passage und wähnte sich bereits im Pazifik. Ein fataler Fehler, der Winter kam, das Schiff fror ein, die Vorräte gingen über die Monate zur Neige. Schließlich meuterte die Mannschaft und setzte ihren Kapitän im Juni 1611 aus. Niemand weiß, was dann mit ihm geschah. Es kamen andere, segelten weiter, gingen an Land. Churchill wurde schließlich 1717 als Handelsposten der Hudson’s Bay Company gegründet.

Churchills Sehenswürdigkeiten – historisch, einmalig, skurril

Cape Merry

Wir lassen uns am Cape Merry den Wind um die Nase wehen. Die langgestreckte Landzunge, wo der Churchill River in die Hudson Bay fließt, war der ideale Ort für die Verteidigung des Handelspostens. Die alten Kanonen und das gegenüber liegende Fort Prince of Wales erinnern daran, dass die Gegend so einige Begehrlichkeiten weckte. Mit Pelzen und Waltran ließ sich eine Menge Geld verdienen.

Cape Merry in Churchill

Die Kanonen sind zum Glück nur noch Dekoration – Cape Merry

Trotzdem wirkt es auf mich irgendwie rauh und ungezähmt. Als würden sich Landschaft und Natur dem Einfluss des Menschen entziehen. Leider wissen wir ja, dass dem nicht so ist: die Arktis ist vom menschgemachten Klimawandel am stärksten betroffen. Und der Blick über die Schulter geht auf die riesigen Speicher im Hafen von Churchill. Wirklich unberührt ist hier nichts mehr. Den Belugas scheint es (noch) egal zu sein. Sie sind natürlich wieder fleißig unterwegs – die einen von der Hudson Bay in den Churchill River, die anderen in umgekehrter Richtung. Unterwasser-Rush Hour.

Sommer in Churchill - am Cape Merry treibt die Natur es aber auch bunt

Sommer in Churchill – am Cape Merry treibt die rauhe Natur es aber auch mal bunt

Gerald zeigt auf einen der Felsen, die hier überall herumliegen und aussehen, als hätte sich jemand an psychedelischen Mustern versucht. Es folgt eine kleine Raterunde: „Diese bunten Flecken sind Flechten. Was glaubt ihr, wie alt die sein können?“ Puh, alle drucksen rum, niemand will unangenehm auffallen. Alt auf jeden Fall, das ist klar. Vielleicht so, äh, 200 Jahre? Danke, super Vorlage für Gerald: „Oh, oh, das ist nicht einmal nah dran. Diese grünen Flechten sind bis zu 2000 Jahre alt. Und die orangefarbenen 500 Jahre.“ Und dann folgt gleich noch ein kleiner Ausflug in die Geologie: die Landmasse hier an der Hudson Bay hebt sich seit dem Abschmelzen des Eispanzers der letzten Eiszeit immer weiter an – um rund einen Meter pro Jahrhundert.

Jahrhunderte Jahre alte Flechten auf Felsen am Cape Merry in Churchill

Leicht psychedelisch angehaucht – jahrhunderte und jahrtausende Jahre alte Flechten in trauter Zweisamkeit

Wegweisend – Inukshuk

Vorbei am Hafen geht es zurück ins Städtchen, das wie immer ziemlich verschlafen da liegt. Wo sind die bloß alle? Jedenfalls auch nicht unten am Meer. Uns empfängt nur ein riesiges Steingebilde. Es ist ein Inukshuk, was übersetzt ungefähr bedeutet: Sieht aus wie ein Mensch. Inuksuit (das ist der Plural von Inukshuk) dienten den Eskimos als Wegweiser, Landmarken, Warnhinweise.

Der Inukshuk von Churchill in Manitoba

Der Inukshuk in Churchill. Im kleinen Eskimo-Museum habe ich mir einen Inukshuk-Schlüsselanhänger gekauft – als Glücksbringer und Wegweiser

Churchill Inukshuk

Mit Gerald vor dem Inukshuk

Gelungene Bruchlandung – Miss Piggy

Man kann es ja kaum glauben, aber die Crew hat überlebt: im November 1979 hatte die Frachtmaschine der Lamb Air kurz nach dem Abheben einen Maschinenschaden und der Pilot musste zwischen den Felsen notlanden. Seitdem liegt das Flugzeugwrack einige Kilometer westlich von Churchill in der Tundra. Miss Piggy ist heute eine Attraktion, aber bestimmt nichts für Leute mit Flugangst. So ein Wrack aus der Nähe zu sehen – also da wollte man bestimmt nicht drinsitzen… Woher die Maschine ihren Namen hat, ist nicht sicher. Sie hätte mal Schweine transportiert, heißt es. Oder hat es damit zu tun, dass sie so viel Ladung aufnehmen konnte? Wohl eine Kombination aus beidem, meint Gerald.

Flugzeugwrack Miss Piggy in Churchill

Heute ist Miss Piggy eine etwas skurrile Touristenattraktion – doch dieser Crash muss heftig gewesen sein

Das Flugzeugwrack Miss Piggy in Churchill

Gehen Sie nicht über Los – das Eisbärengefängnis

Wo Menschen und (große) Tiere aufeinandertreffen, gibt es oft Probleme. Meistens geht das für die Tiere nicht gut aus. Deutlich seltener für den Menschen. Seit den 1960er Jahren zieht es Eisbären vermehrt nach Churchill hinein, um auf Müllplätzen und in Abfalltonnen nach Nahrung zu suchen. Auch das ist eine Folge des Klimawandels – die Erwärmung führt zu einer verkürzten Jagdsaison für die Eisbären. Also müssen sie an anderen Stellen Nahrung suchen. Zum Glück werden „auffällige“ Eisbären nicht (mehr) einfach abgeschossen, sondern eingefangen. Im eigens für sie eingerichteten Gefängnis müssen sie dann isoliert bei Wasser und ohne Brot ausharren, damit sie sich gar nicht erst an Menschen und Futtergabe gewöhnen. Ist die Eisdecke stark genug, werden sie ausgeflogen und weitab der Stadt ausgesetzt.

Eisbärengefängnis in Churchill

Hier werden die Eisbären von den Menschen separiert – zum Wohle aller Beteiligten

 

Eisbärenfalle in Churchill

Ausbruchsichere Eisbärenfalle

Wie aus einer anderen Welt – der Tundra Buggy

Neuer Tag, neuer Ausflug. Staunend stehe ich vor einem riesigem Gefährt, das ich eigentlich eher auf dem Mond oder so vermuten würde. Es ist ein Tundra Buggy, der eigentlich im Winter für Eisbärentouren eingesetzt wird. Im Sommer stehen die Dinger meistens nur rum. Bis auf einige Ausflüge in die sommerliche Tundra westlich von Churchill. Ein sehr holpriges Vergnügen. Craig, unser Guide und Fahrer, gibt sich wirklich Mühe. Doch der Tundra Buggy nimmt bei seiner Fahrt im Schneckentempo wirklich jedes Schlag- und Wasserloch mit. Bei der Größe ist der Versuch, diesen auszuweichen, einfach hoffnungslos.

Tundra Buggy

Ein bisschen wie Mondbasis Alpha 1

Die Tundra kann stellenweise ganz schön öde sein. Doch Craig quetscht auch da noch Informatives raus: „Seht ihr diese kleinen Ansammlungen von Fichten? Die schützen sich so gegenseitig vor dem Nordwind.“ Der sorgt auch für das etwas merkwürdige Aussehen: Richtung Norden haben die Bäumchen kaum Zweige.

Fichtengruppe in der Tundra bei Churchill in Manitoba

Gemeinsam sind wir stark – die dürren Fichten schützen sich gegenseitig vor dem Wind

Nach viel Geholper bleiben wir schließlich stehen. Was jetzt kommt, kenne ich schon: Craig holt sein Gewehr, kleine Ansprache, in der Nähe der Gruppe bleiben usw. Dann dürfen wir raus. Uns empfangen unendliche Weiten.

Tundra Buggy

Nun aber raus und die Landschaft genießen

Hier um die Hudson Bay geht die Waldtundra in die Tundra über. Während es bei Miss Piggy ja noch einige Bäume gab, haben hier, nur einige Kilometer weiter, Moose, Flechten und Gräser das Sagen. Und Felsen. Davon gibt es wirklich jede Menge und manche zeigen sich ganz schön farbenfroh.

Felsenlandschaft in der Tundra bei Churchill

Hier treiben’s vor allem mal wieder die Flechten bunt

Schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig – das Gewehr ist immer dabei

Baumlose Tundra an der Hudson Bay

Unendliche Weiten – hier wächst kein Baum mehr

Dann zückt Craig plötzlich sein Fernglas und zeigt Richtung Wasser. Dort sind zwei Eisbären im Anmarsch. Eine Mutter und ihr Junges. Langsam und gemächlich trotten die beiden an der Küste entlang, spielen im Wasser. Als sie näher kommen, sehen sie zu uns herüber – natürlich haben sie die vielen Zweibeiner schon längst bemerkt. Die Mutter dreht ab und wechselt die Richtung. Besser auf Abstand bleiben, denkt sie sich. Craig ist genauso begeistert wie wir. Ein toller Tag. Der erste seit längerem mit einer Eisbärsichtung und – ohne Mücken. Mensch, denke ich, ich habe aber auch ein Glück.

Eisbären baden in der Hudson Bay

Was Eisbärenmütter und -kinder so machen – plantschen und spielen in der Hudson Bay

Eisbärenmutter an der Hudson Bay

Die Eisbärenmutter und ihr Junges auf Wanderschaft

Eisbären Hudson Bay

Immer schön Abstand halten – die Eisbärin wollte mit uns nichts zu tun haben

Churchill erleben

Natürlich bin ich auch auf eigene Faust ein bisschen herumgestreunt. Aber dabei ganz gegen meine Natur immer schön auf den großen Straßen und Wegen geblieben. In der Galerie findet ihr einige Impressionen von meinen „Alleingängen“. Und anschließend noch Tipps und Wissenswertes für die Reise nach Churchill.

Ansehen: Eskimo-Museum – schönes kleines Museum, in dem Besucher viel über die Ureinwohner und ihre Lebensbedingungen erfahren. Schöne Souvenirs. Kauftipp: „Churchill Hudson Bay – A Guide to Natural and Cultural Heritage“ von der engagierten Lorraine E. Brandson; Parks Canada Visitor Centre – viel Wissenswertes über die Region im Bahnhof von Churchill

Einkaufen: Artic Trading Company – hier gibt es tolle Andenken und Nützliches garantiert „Not made in China“, 141 Kelsey Blvd.

Essen: Gypsy’s Bakery – eine Institution, in der es mehr als leckere Backwaren gibt, 253 Kelsey Blvd.; Lazy Bear Café – direkt neben der Lodge. Nicht billig, aber lecker, es wird kein Alkohol ausgeschenkt. Das Gemüse stammt vorwiegend aus dem eigenen Gewächshaus, 313 Kelsey Blvd.

Übernachten: Lazy Bear Lodge – Eigentümer Wally Daudrich lebt seit 1980 in Churchill und hat 2005, nach zehn Jahren Bauzeit, seine umweltfreundliche Lodge eröffnet. Verarbeitet wurde vor allem recyceltes Holz, viel stammt von den Resten eines Waldbrandes – es wurde kein Baum gefällt. Preisbeispiel: 2 Übernachtungen, Walbeobachtungstour, Cultural&Heritage-Tour, ein Abendessen, tägl. Frühstück, ab 460 CAD; Bluesky Bed&Sled – Gerald Azure ist nicht nur ein toller Guide, er betreibt auch ein eigenes Bed & Breakfast. Wie dessen Name schon verrät, ist er außerdem ein Musher, dabei sehr engagiert und verantwortungsvoll. Auch im Sommer bietet Gerald Touren an, z.B. die „Sun Dog Combination“, 3 Ü/F + Introduction to Dog Sledding, 400 CAD/2 Pers.

Anreise: Nach Churchill führt keine Straße. Bis zum Mai 2017 konnte man mit dem Flugzeug oder einer 48-stündigen Bahnfahrt anreisen. Doch dann setzte eine starke Schneeschmelze ein, die zu schlimmen Überflutungen führte und die Bahngleise unterspülte. Seitdem ist die Bahnverbindung zwischen dem Ort Gillam and Churchill unterbrochen. Ob und wann die Bahnstrecke repariert wird, steht bei Kosten von rund 60 Mio CAD in den Sternen.

Folgende Alternativen für die Anreise gibt es:

  1. mit dem Zug bis Thompson, am nächsten Tag mit Calm Air per Flugzeug nach Churchill
  2. per Direktflug mit Calm Air von Winnipeg nach Churchill
Bahnhof von Churchill

Der Bahnhof von Churchill – hier kommen bis auf Weiteres keine Züge an

Weitere Informationen: im Internet gibt es auf Everything Churchill viele hilfreiche Infos, auch eine Liste von Tourveranstaltern

Die Reise wurde unterstützt von Travel Manitoba.

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