Was macht denn Altona mitten in Kanada?

Altona in Kanada - so ganz anders als zuhause

Es gibt da diesen „geflügelten“ Spruch um etwas Absurdes auszudrücken: Die Erde ist eine Scheibe, Schweine können fliegen und … (hier lässt sich dann die Absurdität einfügen). Während ich so mit meinem Mietwagen durch die Landschaft düse, bin ich jedoch fast geneigt, genau das zu glauben: Ich würde mich nicht wundern, wenn gleich ein paar fröhliche Schweinchen vorbeisegelten, so platt, menschenleer und irgendwie vergessen scheint hier die Landschaft. Das Schräge dabei ist, dass menschliche Aktivitäten eigentlich nicht zu übersehen sind, denn ich düse durch schier endlose Sonnenblumenfelder.


Sonnenblumen – sie freuen sich über die gleißende Mittagssonne

Seit ich in Spanien mal unfreiwillig in Vigo gestrandet bin (siehe Früher war mehr Abenteuer), habe ich irgendwie eine Vorliebe für auch mal etwas abseits liegende Ziele entwickelt. Auf fast jeder Reise zieht es mich an einen Ort, der von den Touristenströmen weitgehend links liegen gelassen wird. Nach so viel Spektakulärem in Churchill und Umgebung will ich mir jetzt also mal etwas total Unspektakuläres gönnen. Und so bin ich auf dem Weg nach Altona.

Haaaallooo, ist hier jemand?

Warum Altona? Nun, ich bin Hamburgerin, das reichte mir als Grund. Und dann ist dort außerdem gerade noch das jährliche Sonnenblumenfest, denn Altona gilt als Kanadas „Sunflower Capital“. Rosenfeld, Gnadenthal, Blumenort und Neubergthal heißen die Dörfer rund um Altona. Ihr ahnt es schon – hier gibt es einen irgendwie deutschen Hintergrund. Die Orte wurden um 1870 von deutschsprachigen Mennoniten gegründet. Die kamen jedoch nicht aus Deutschland, sondern aus Russland, wohin sie eingeladen worden waren, nachdem sie wegen ihrer Verfolgung aus den Niederlanden und Norddeutschland nach Polen gezogen sind. Später waren sie in Russland dann auch nicht mehr willkommen. Ganz schön kompliziert.

Was ich meinte zu wissen: die Mennoniten leben eigentlich nach strengen Regeln, so ähnlich wie die bei uns bekannteren Amish (durch den Thriller mit Harrison Ford, an den wir im „besten Alter“ uns doch noch gut erinnern…). Deshalb war ich ziemlich gespannt auf meinen Besuch in Altona – Betonung bitte auf der zweiten Silbe.

Altona – ein bisschen anders als erwartet

Als ich dann nach einer guten Stunde Fahrt in Altona eintrudele, erwartet mich ein ganz normales Städtchen. Ich sehe gleich einiges davon, weil ich meine Unterkunft nicht finde. Inn among the Willows hört sich auch schon ziemlich versteckt an. Ist es dann aber gar nicht, wie ich nach einem kurzen Telefonat herausfinde. Ich bin nur in die falsche Richtung gefahren…

Lori und Howard empfangen mich gewohnt herzlich und nachdem ich meine Tasche ins Appartement gebracht habe, gibt es erst einmal eine Rundfahrt im kreischgrünen, selbstgebauten Auto, das große Ähnlichkeit mit einem alten Golf Cabrio hat. Supermarkt, Reinigung mit angrenzendem Liquorstore, der Centennial Park – „hier ist das Sonnenblumenfest“, die Kunstgalerie, die Friesens-Druckerei – “ hier wurden zwei Folgen der Harry Potter-Reihe gedruckt“. Tja, und das war es dann auch schon. Die 15 Kirchen der Stadt sind wir nicht alle abgefahren.

Altona Manitoba

In den Straßen von Altona…

Als wir wieder in die Auffahrt rollen, sehe ich ein älteres Paar an der Straße: er geht einige Schritte vor ihr, beide tragen Kleidung wie aus ein längst vergangenen Jahrhundert. Ich deute möglichst unauffällig in ihre Richtung: „Ich habe eigentlich erwartet, dass hier mehr Leute so aussehen.“ Howard schüttelt den Kopf. Die meisten Mennoniten leben wie alle anderen auch, sagt er. Nur die Traditionalisten kleiden sich wie früher und lehnen moderne Technik ab. Sie leben zurückgezogener, man macht zwar Geschäfte miteinander, aber sonst gibt es nur wenige Berührungspunkte.

Und so ist das Sonnenblumenfest ein typisch kanadisches Dorffest. Es gibt jede Menge Foodtrucks, Bands treten auf und es wird nicht nur die Sunflower Queen gewählt, sondern auch der beste Foodtruck. Ich bin früh dran und es ist noch nicht viel los. Doch wie auf Kommando kommen sie aus allen Richtungen auf die große Wiese im Park. Bepackt mit Stühlen, Decken, Kühlboxen. Was folgt ist ein geordneter Aufbau. Wie ich da so mit meiner Kamera und meinem Rucksack stehe, wird mir schnell klar: ich bin hier mit ziemlicher Sicherheit die einzige Touristin.

Das ist für mich zwar nicht das erste Mal, fühlt sich aber doch immer ein bisschen merkwürdig an. Denn normalerweise ist es auch als Alleinreisende wie bei den Schafen – man grast zwar alleine so vor sich hin, doch die Herde, nämlich die anderen Touristen, sind nie weit entfernt. Nun bin ich das einzige Schaf hier auf dem Sonnenblumenfest.

Das merken auch andere. Ich habe natürlich nichts dabei, setze mich deshalb auf meine Jacke. Meine Nachbarn lächeln freundlich und wissend: „Where are you come from?“ Sie nehmen mir das Versprechen ab, morgen auf jeden Fall noch in der Gallery in the Park vorbeizuschauen.

Sunflower Festival in Altona Manitoba

Gesittetes Lauschen beim Sunflower Festival

Was mir auffällt: trotz der vielen Leute ist hier auch nach ein paar Stunden alles blitzeblank. Da liegt kein Fitzelchen Papier herum, Flaschen und Dosen werden ganz diszipliniert in die dafür vorgesehenen Container geworfen. Bei uns sieht es meistens ein bisschen anders aus.

Langsam wird es dunkel und da will ich noch kurz hinüber in den Buffalo Creek Nature Park. Was sich ganz stattlich anhört, ist nur ein kleines Gelände mit einem See und einem Spazierweg. Der führt vorbei an einer Miniprärie mit hohen Gräsern, die sich sanft im Wind wiegen. Darüber der Abendhimmel. Klein aber fein und wie gehabt schön unspektakulär – bis auf den Himmel natürlich.

Buffalo Creek Nature Park in Altona Manitoba

Kitschig schön – ein Himmel wie gemalt über der Miniprärie

Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von Lori und Howard – besser gesagt, ich versuche es. In der Auffahrt quatschen wir über Gott und die Welt. Und die wechselvolle Geschichte der Mennoniten. Die füllt ganze Bücher – eines davon habe ich bei meiner Abfahrt im Gepäck: They Sought a Country von Harry Leonard Sawatzky – Professor und Onkel von Howard.

Als ich winkend auf die Straße einbiege, sehe ich auf die Uhr: auweia, mein Zeitplan. Ich bin in knapp zwei Stunden in Neubergthal verabredet und will ja noch die „Gallery in the Park“ besuchen. Doch so viel Zeit muss sein. Es ist eines dieser für Nordamerika so typischen Gemeindeprojekte: alle packen an und heraus kommt eine Kunstgalerie mit einem Skulpturengarten. Zwei verschiedene Austellungen gibt es jährlich mit Künstlern aus Manitoba und der ganzen Welt.

Ich hatte es ja versprochen – die Gallery in the Park

 

Altona Manitoba Gallery in the Park

Ein freundlicher Delfin im Skulpturengarten

Altona Manitoba Gallery in the Park

Ich finde, die Mädels wirken so lebendig, ich höre sie förmlich schnattern…

Bevor ich Altona schließlich verlasse, muss ich aber noch einmal anhalten. Denn eine Sehenswürdigkeit von Altona fehlt noch: auf einer riesigen Staffelei trohnt die Replica eines von Van Gogh’s Sonnenblumen-Bildern. Es ist das Projekt des Künstlers Cameron Cross. Sieben verschiedene Sonnenblumen-Bilder hat Van Gogh gemalt, alle sieben will Cross auf der ganzen Welt in dieser Form installieren. Bisher gibt es dieses in Kanada, eines steht in Australien und eines in den USA. „Van Gogh saw the sunflower as a symbol of life and hope“ steht auf der Internetseite von Altona. Das gefällt mir.

Van Gogh Sonnenblumen Altona

Sonnenblumen – ein Symbol für Leben und Hoffnung

Neubergthal – ein klassischer Fall von klein aber fein

Nun aber los, in Neubergthal werde ich schon erwartet. Es ist zum Glück nicht weit und verfahren kann ich mich auch nicht: die Straßen führen schnurgerade durch die platte Landschaft. Also raus aus Altona, nach ein paar Kilometern im rechten Winkel scharf links und dann führt die Straße unter riesigen Bäumen direkt nach Neubergthal hinein – und wieder hinaus. Nach einem gefühlten Wimpernschlag stehe ich etwas ratlos am Ortsende. Irgendetwas habe ich wohl verpasst.

Ich sehe in den Rückspiegel – und hinter mir zwei Gestalten auf der Straßen stehen und winken. Warum die beiden wissen, dass ich der erwartete Besuch bin? Hier ist sonst niemand. Kein Mensch zu sehen, kein Auto auf der Straße. Ich wende und fahre zurück, lasse mich in die Einfahrt auf den Parkplatz winken. Als ich aussteige, trifft mich fast der Schlag: es sind weit über 30 Grad. Und der leichte Wind wirkt eher wie ein Fön – ein sehr heiß eingestellter Fön.

Neubergthal in Manitoba

Die Dorfstraße von Neubergthal

Es sind Marilyn und Ray Hamm, die mich schon erwartet haben. Sie leben hier in Neubergthal und engagieren sich für den Ort – in der Neubergthal Heritage Foundation. Denn diese kleine Gemeinde ist schon etwas besonderes, eines der am besten erhaltenen Mennoniten-Dörfer in Kanada. Es gibt nur eine Straße, an der rechts und links die Familien-Anwesen liegen. Es sind „Housebarns“, wie die beiden mir erklären. Wohnhaus und Stall sind nebeneinander in einem Gebäude. Vor allem im Winter war das ein großer Vorteil: die Wärme des Stalls heizte auch den Wohnbereich. Und um die Tiere zu versorgen, musste man sich bei minus 20 Grad nicht durch den Schnee kämpfen.

Das war mal ein Stall – heute gibt es vom Balkon einen schönen Ausblick in den Garten

„Wir möchten unser Dorf gerne allen zeigen, aber nicht wie in einem Zoo oder Museum leben“, sagt Ray. Deshalb soll hier am besten alles so weitergehen wie bisher – auch wenn das Dorf inzwischen als National Heritage Site geehrt wurde. Wir haben uns auf den Weg gemacht und huschen in der Hitze von Schatten zu Schatten. Glücklicherweise gibt es hier viele große Bäume. Unser Ziel ist das Friesen Housebarn, das Museum. Schnuckelig sind die Wohnräume, durch die Küche geht es in den Stall. War ja schon praktisch, sage ich. Ja, antwortet Ray und lacht, wenn man keine empfindliche Nase hatte.

Die Mennoniten haben die Dorfkultur nach Kanada gebracht, erzählt Marilyn. Vorher hat sich jeder irgendwo seine Farm aufgebaut – möglichst weit weg von den anderen. Doch die Mennoniten sind zusammengeblieben, haben geteilt, sich unterstützt und ihre Farmhäuser nah beieinander gebaut. Erscheint mir als das bessere Konzept.

Das restaurierte Friesenhaus ist das Museum von Neubergthal – vorne das Wohnhaus, hinten dran der Stall

Friesenhaus in Neubergthal Manitoba

Sieht doch recht einladend aus…

Zum Abschluss meines Besuchs haben Marilyn und Ray noch eine unerwartete Überraschung für mich: eine Faspa zuhause in ihrem Housebarn. Die sonntägliche Faspa auf dem Sonnenblumenfest habe ich ja leider verpasst. Was eine Faspa ist? Lecker!!! Wer dabei an Vesper denkt, ist auf der richtigen Spur. Selbstgemachte Limonade, selbstgebackenes Brot, Gemüse aus dem Garten, Käse, Kuchen. Die Nachbarstochter kommt vorbei, weil sie von dem Besuch aus Deutschland gehört hat. Wir reden – mal wieder – über Gott und die Welt. Laaange. Meinen Zeitplan? Kann ich vergessen. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Neubergthal in Manitoba

Housebarn von Marilyn und Ray – eines der schönsten Häuser in Neubergthal

Doch irgendwann muss ich dann doch aufbrechen. Winkend verlasse ich Neubergthal. Die Fahrt geht wieder durch die gewohnte Landschaft – Sonnenblumen, Wiesen, Felder. Die fliegenden Schweinchen würden hier wirklich super hinpassen, denke ich.

 

Manitoba Kanada

Ich habe ja kurz überlegt…

Tipps & Infos

Für diesen Ausflug ins ländliche Kanada eignet sich vor allem die Zeit des Sonnenblumenfests, das immer Ende Juli stattfindet. Sonst würde ich das Wochenende empfehlen, denn samstags ist in Altona von Juli bis September Farmers Market.

Infos: altona.ca/tourism

Übernachten:

Abkühlen: im Centennial Park gibt es ein Freibad, das Aquatic Center – perfekt für eine Abkühlung bei 30 Grad und mehr…

Neubergthal: das kleine Dorf Neubergthal liegt nur rund zehn Kilometer von Altona entfernt. Das Friesenhaus ist im Sommer am Montag und von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Es gibt größere und kleinere Veranstaltungen, Anfang September findet der jährliche Culture Day in Neubergthal statt. Infos gibt es bei der Neubergthal Heritage Foundation. Es werden auch Führungen angeboten, zwar eigentlich nur für Gruppen, aber es lohnt sich, vor der Anreise einmal danach zu fragen. Das Haus von Marilyn und Ray kann während so einer Führung auch besichtigt werden.

Hier war ich vorher: Winnipeg, Churchill (Belugas), Churchill

 

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