Die Sache mit dem nachhaltigen Reisen – Blogparade


Costa Rica: Traumstrand bei Montezuma auf der Halbinsel Nicoya. Wie es dort aber auch aussehen kann, seht ihr weiter unten

Sie ist wie ein dicker, fetter Klops, an dem man sich leicht mal verschlucken kann: die Nachhaltigkeit. Wo anfangen, wo aufhören? Das gilt beim Reisen genauso wie im Alltag. Dieses ist mein Beitrag zur Blogparade „Nachhaltig reisen“ von Nathalie on Tour.

Früher, als es noch den „Sanften“ und dann den „Umweltverträglichen Tourismus“ gab, und es nicht nur, aber vor allem um Natur- und Umweltschutz ging, war es schon schwer genug. Doch die Nachhaltigkeit stellt an uns ganz andere Anforderungen. Es geht um nicht weniger als die „Konzeption einer dauerhaft zukunftsfähigen Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz“*. Also irgendwie um alles. Für alle und alles. Weltweit.

Auch im Tourismus. Weltweit einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Mit der Macht, ganze Ökonomien in Bedrängnis zu bringen, wenn die Touristen plötzlich ausbleiben, wie zum Beispiel in Tunesien. Oder Landstriche völlig umzugestalten und zu betonisieren, so wie es am Mittelmeer geschehen ist. Doch im Tourismus tut man sich mit der Nachhaltigkeit trotzdem oder gerade deswegen ziemlich schwer. Das gilt für das Angebot und die Nachfrage. Die schönsten Wochen des Jahres.

Sie haben eine bessere Chance auf Schulbildung – dank des Anja Community Reserve (Anja Park) in Madagaskar, ein nachhaltiges Tourismusprojekt

Es gibt natürlich schon viele gute Projekte, Initiativen und Angebote, wie im deutschsprachigen Raum zum Beispiel

– das Forum anders Reisen, ein Zusammenschluss von Reiseveranstaltern,

– die Alpine Pearls, Urlaubsorte in den Alpen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben,

– die Bio-Hotels,

akte, der schweizer Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung mit (praktischen) Informationen rund um das nachhaltige Reisen,

Tourism Watch, die Organisation, die den Tourismus kritisch, aber auch mit vielen Anregungen begleitet.

Doch der Anteil der nachhaltig ausgerichteten Reisen am Gesamtmarkt ist immer noch sehr gering: die Reiseveranstalter des Forum anders Reisen hatten zum Beispiel im Jahr 2016 zusammen nur knapp 144.000 Buchungen. Der große Tourismus-Kuchen wird also hauptsächlich unter anderen aufgeteilt – den großen Pauschalreiseveranstaltern.

Große Reiseveranstalter – Saulus oder Paulus?

Um zu erfassen, was das – neben dem Phänomen des Massentourismus – auch bedeutet, muss man ein bisschen in die Materie eintauchen. Reiseveranstalter stellen heutzutage nicht nur Reisen aus bestehenden Angeboten (z.B. Flug+Hotel) zusammen. Zunehmend sind sie selbst Eigentümer von Hotels und Schiffen. Die TUI Group verfügt zum Beispiel über 300 eigene Hotels. Wenn es sich dann noch um All Inclusive handelt, bleibt das gesamte Geld weitestgehend im Unternehmen – egal in welchem Land man dann Urlaub macht. Den Menschen vor Ort, den Bereisten, wird so die Möglichkeit genommen, am Tourismus und den Touristen zu verdienen.

Es ist natürlich nicht so, dass die großen Reiseveranstalter sich überhaupt nicht um das Thema Nachhaltigkeit kümmern. Es gibt ein paar „grüne“ Hotels beziehungsweise eigene Umweltlabel. Und gerechterweise muss ich hier als Beispiel die Nachhaltigkeitsintiative Futouris nennen, die einige gute Projekte fördert. Doch selbst Entwicklungsminister Gerd Müller hat auf der ITB 2017 eine sehr kritische Rede gehalten und angemahnt, dass Nachhaltigkeit im Tourismus flächendeckend Strategie werden muss**. Aber leider ist es mit der flächendeckenden Nachhaltigkeit, die auch Gerechtigkeit und Partizipation beinhaltet, nicht weit her. Ein Beispiel: Ein Mitglied der Initiative ist TUI Cruises, ein Gemeinschaftsunternehmen der TUI AG und Royal Carribean Cruises Ltd. Und letztere ist Eigentümerin von Labadee. Nie gehört?

Labadee ist eine Landzunge in Haiti und wurde exklusiv für die Kreuzfahrtgäste umgestaltet: „Umgeben von malerischen Berghängen und exotischer Fauna wartet an der Nordküste Haitis ein Paradies exklusiv auf die Passagiere von Royal Caribbean: Labadee.“*** Noch mal kurz zur Erinnerung: Haiti gehört zu den ärmsten Staaten der Welt. Dessen Bevölkerung hat die im Überfluss schwelgenden Touristen direkt vor der Nase, ohne auch nur einen Dollar verdienen zu können. Den Kreuzfahrern wird heile Welt geboten, wo keine ist: „Haiti auf einer einsamen Insel erleben“ heißt es auf der Website. Und das ist keine Ausnahme: andere Reedereien wie zum Beispiel Norwegian Cruise Line besitzen ebenfalls eigene Inseln für ihre Gäste.

Streng geschützt im madagassischen Anja Park: Kattas, die wohl bekannteste Lemurenart, profitieren auch von dem nachhaltigen Tourismusprojekt

Nachhaltiger Systemfehler

Also: der Fehler liegt im System. Es ist ein bisschen außen Hui und innen Pfui:

  • Air Berlin (Gott hab sie selig) zum Beispiel rühmte sich seiner Ökoeffizienz, hat aber selbst in der Abschiedspressemeldung noch die beliebten eintägigen Nordpol-Rundflüge besonders herausgestellt. Ich dachte immer nur: echt jetzt? Die arktischen Regionen sind am stärksten vom Klimawandel betroffen und die bieten ausgerechnet dorthin einen eintägigen Rundflug an?
  • Von den Emiraten und den Malediven ist zu hören, dass dort fleißig weiter künstliche Inseln geschaffen werden, obwohl sich der globale Sandhunger zum nächsten großen Umweltproblem entwickelt.
  • In Kuba stehen alle Schlange, das Land kann jetzt so richtig touristisch entwickelt werden. Wird die Chance zu einer nachhaltigen Tourismusentwicklung genutzt? Oder werden Strände wieder von ausländischen Investoren mit riesigen Resorts verbaut?
  • Die Alpen sind nicht mehr schneesicher? Da steigt gleich die Nachfrage nach (Flug)Reisen in die (noch) sicheren Skigebiete der Rocky Mountains.

Keine Angst vorm nachhaltigen Reisen

Ein kleiner Einblick in den dicken Klops der Nachhaltigkeit. Aber ich organisiere meine Reise doch immer individuell, was kümmern mich die Reiseveranstalter? Zum einen nutzen wir Individualreisende oft dieselben Infrastrukturen. Zum anderen sind wir häufig genug die Wegbereiter für den Pauschaltourismus. Viele ehemalige Geheimtipps von Backpackern sind heute Ziele für die Massen. Und: individuell reisen ist nicht automatisch gleichbedeutend mit nachhaltig reisen.

Vielen wird der Klops zu groß erscheinen, um damit fertig zu werden. Da greift dann das beliebte Ganz-oder-Garnicht-Prinzip: entweder ich reise total nachhaltig oder lasse es lieber ganz. Also nicht das Reisen, sondern das mit der Nachhaltigkeit. Doch man kann den Klops ja auch in kleine Stücke oder Scheiben schneiden und einfach mal anfangen zu kauen.

Unser Guide im Anja Park

Hier kommen meine Anregungen für den Anfang – für Pauschal- und Individualreisende. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie sich ganz gut umsetzen lassen:

  1. Weniger fliegen. Manche sind der Meinung, eine Flugreise könne nicht nachhaltig sein. Viele Fachleute, die sich mit nachhaltigem Tourismus beschäftigen, sehen das jedoch etwas differenzierter. Dem würde ich mich anschließen. Denn ich denke dann zum Beispiel an Anja Park (Anja Community Reserve) in Madagaskar, ein kleines bewaldetes Schutzgebiet im weitgehend entwaldeten Land, das von der dortigen Gemeinde betreut und gepflegt wird. Die Besuchereinnahmen fließen direkt wieder in die Gemeinde zurück. Ökotourismus in seiner besten Form. Und ohne ausländische Besucher nicht möglich.
  2. Kompensieren. Ablasshandel! ruft da so mancher. Ja, aber der ist nicht automatisch schlecht. Im Zusammenspiel mit Punkt 1 meine klare Empfehlung, zum Beispiel bei atmosfair oder MyClimate. So kommt man dem wahren Preis für einen Flug, der die sonst auf die Allgemeinheit abgewälzten Kosten für Umweltbelastungen einschließt, zumindest nahe. Und diese Allgemeinheit befindet sich zurzeit vorwiegend noch in Ländern, die selbst nur wenig zu Klimawandel & Co. beitragen.
  3. In der Nebensaison reisen. Das nimmt den Druck von vielen Urlaubsgebieten und kann mittelfristig sicherere Arbeitsplätze schaffen. Denn viele im Tourismus Beschäftigte sind Saisonarbeiter, meist zu prekären Bedingungen eingestellt. Sie verlieren regelmäßig ihren Job, wenn nach nur einigen Monaten die Touristenmassen verschwinden und die Bürgersteige hochgeklappt werden. In den meisten Fällen ohne soziale Absicherung.
  4. Auch mal Nebenziele besuchen. Siehe Punkt 3.
  5. Plastik mit nach Hause nehmen. Shampoofläschchen leer? Dann ab ins Reisegepäck und zuhause entsorgen. In vielen Regionen der Welt ist die Müllentsorgung ein Problem. Am besten ist es natürlich, so weit wie möglich auf Plastik zu verzichten – auch Zuhause. Eine schöne Alternative ist festes Shampoo (Shampoobar), zum Beispiel von Sauberkunst oder Lush.
  6. Informieren. Wissen ist Macht und hilft, nachhaltige Angebote zu erkennen. Oder eben nicht-nachhaltige Angebote. Wird die indigene Bevölkerung nur vorgeführt oder hat sie die Fäden in der Hand? Hat die Hotelanlage eine riesige Poollandschaft – und liegt in einem Gebiet mit notorischer Wasserknappheit? Kümmert man sich wirklich um Tierwaisen oder handelt es sich nur um eine Art Streichelzoo, bei dem erwachsene Tiere auf einer Jagdfarm landen? Welche Souvenirs unterliegen dem Artenschutz?
  7. Regional einkaufen. Gebt den einheimischen Produkten eine Chance. Lasst im Supermarkt diejenigen stehen, auf denen die Marke eines der bekannten Global Player prangt. Das gilt auch für Wasserflaschen – der Film Bottled Life hat das Thema öffentlich gemacht.
  8. Auf Umweltlabel achten. Zugegeben: sich bei all den verschiedenen Labeln zurechtzufinden und dann auch noch deren Seriosität zu beurteilen, ist schwierig. Doch akte (s.o.) bietet mit dem Wegweiser durch den Labeldschungel kompetente Hilfe. Und gleichzeitig viele weitere Infos und Tipps zum nachhaltigen Reisen!

Trauriges Strandgut in Costa Rica – der Pazifik spült in an der Halbinsel Nicoya viel Plastik an

Das war, zugegeben, ein etwas wilder Ritt durch die Nachhaltigkeit im Tourismus. Also, was ist nun nachhaltiges Reisen für mich? Es fängt damit an, sich Gedanken zu machen – über die Zusammenhänge, die Auswirkungen und den eigenen Anteil. Und dann die ersten Schritte zu tun.

Links/Quellen

*Definition der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundesttages, 1998

**Rede von Entwicklungsminister Gerd Müller

Kreuzfahrten:

http://www.faz.net/aktuell/reise/harvest-caye-eine-kreuzfahrt-insel-vor-belize-14579588.html

*** https://www.royalcaribbean.de/kreuzfahrt-labadee-haiti.htm

Sand:

https://www.3sat.de/page/?source=/makro/magazin/doks/187815/index.html

 

 

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