Kambodscha – Komm mit ins Abenteuerland!

Bayon-Tempel in Angkor, Kambodscha © Regina Fischer-Cohen

Angkors mystische Tempel, eine Metropole voller kolonialem Charme und tropische Traumstrände… Das einstige Armenhaus Kambodscha befreit sich langsam vom Trauma seiner schrecklichen Kriegsvergangenheit und mausert sich zu einem trendigen Reiseziel.

In Chhays Mundwinkel klebt etwas. Es ist wie mit der Nudel in Loriots Sketch. Schlimmer! Weil das, was da festsitzt, ein Bein ist. Hängengeblieben von einer Handvoll frittierter Grillen, die sich mein Guide gerade hastig in den Mund gesteckt hat. Quasi als Frühstücksersatz. Jetzt zittert es, während er über die Khmer Gott-Könige spricht, die Angkor zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert als Zentrum ihres ostasiatischen Riesenreichs erbaut haben. Es ist zum Verrücktwerden. Unmöglich, sich da auf die Historie zu konzentrieren. Meine Hand zuckt, will unbedingt in Chhays Gesicht. Zum Glück gönnt der sich dann aber noch ein paar Grillen und wischt das Problem damit weg. Nicht nur bei ihm macht sich langsam der Hunger bemerkbar. Vorbei, der magische Moment. Die Minuten des gemeinsamen andächtigen Schweigens, als sich die Sonne dramatisch hinter den Türmen von Angkor Wat erhoben hat. Das Traummotiv jedes Kambodschareisenden. Hunderte von Touristen haben sich auch heute  wieder zu nachtschlafender Stunde hektisch auf den berühmten Tempel im Dschungel gestürzt. Und genauso schwirren die meisten nun wieder ab. Zurück in die sieben Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Siem Reap, wo das Hotelfrühstück bereits wartet. Zum Glück hatte Chhay mir aber vorab geraten, einen Snack mitzubringen, und so genießen wir nun die kurze Phase, in der es in dem ansonsten völlig überlaufenen Heiligtum noch einmal etwas ruhiger wird.

Angkor Wat © Regina Fischer-Cohen

Angkor Wat © Regina Fischer-Cohen

Im Bann der mystischen Dschungeltempel

Seit Angelina Jolie als Lara Croft im Kino-Hit »Tomb Raider« durch die antiken Königsstädte gejagt ist, drängeln sich hier die Touristen. Neben Angkor Wat will jeder vor allem die von Würgfeigen umschlungenen Dschungel-Tempel Ta Prohm und Preah Khan sehen. Und natürlich den Bayon mit den übermannsgroßen steinernen Gesichtern. Weit über 2 Millionen Besucher strömen Jahr für Jahr aus aller Welt herbei. »Abenteuer-Feeling gibt´s hier nur noch, wenn du das richtige Losungswort kennst«, scherzt Chhay, während er in einem Seitentrakt des Angkor Wat eine riesige Bauplane und ein Schild mit der Aufschrift »Betreten verboten« beiseiteschiebt. Über schmale Leitern und kippelige Holzbohlen geht es dahinter in schwindelerregende Höhen. Bis unters Tempeldach, wo zwei Kambodschaner vom deutschen Restaurierungsprojekt GACP mit filigranen Bohrern behutsam an einem Steinrelief arbeiten. Es zeigt Apsaras, verführerisch schöne Himmelstänzerinnen, die aufgrund innerer Verwitterung vom Giebel zu stürzen drohen. »Tempelretter«, so hatte Reiseveranstalter Thomas Cook eines seiner Nachhaltigkeitsprojekte genannt, mit dem er die Konservierungsarbeiten des GACP drei Jahre lang finanziell unterstützt hat. Fernab der Touristenströme wurde seinen Gästen dafür exklusive Einblicke in die Arbeitswelt der Restauratoren gewährt. Ein perfektes Win-Win-Projekt, das mittlerweile abgeschlossen ist. Doch ein paar schlitzohrige Guides wissen noch immer von der Idee zu profitieren. Nicht ganz legal, aber »ein Geldschein öffnet dir in diesem Land viele verschlossene Türen«, versichert Chhay lächelnd.

Angkor Thom © Regina Fischer-Cohen

Angkor Thom © Regina Fischer-Cohen

Im Kochtopf auf Südostasiens größtem See

One Dollar? Rund fünfundfünfzig Kilometer südöstlich von Siem Reap gluckst die achtjährige Lin vor Vergnügen. Schelmisch blickt sie zu ihrem jüngeren Bruder, der in einem Riesenkochtopf hockt und damit quietschfidel vor der elterlichen Hütte auf dem Tonle Sap See schippert. Einen Dollar hatte ich ihr für den leckeren Braten geboten. »Okay!« willigt Lin nun ein, bereit, den Kleinen als Festmahl zu servieren. Mit viel Chili, Knoblauch und Zucker. So wie die Khmer ihr Essen lieben. Quatsch! Ist natürlich alles nur Spaß. Ein Moment heile Kinderwelt im Fischerdorf Kompong Khleang. Es ist das entlegenste von drei schwimmenden Dörfern, die man hier am Nordufer des Sees besuchen kann. Wobei es mit gut 9.500 Einwohnern fast die Struktur einer Kleinstadt hat. Jetzt, kurz nach der Regenzeit, ragen die auf Holzpfählen erbauten Hütten wie Inseln aus dem Wasser hervor. Schon verrückt, wenn man da auf den Terrassen geparkte Fahrräder und Mopeds entdeckt. Und Kinder, die in Waschschüsseln und Kochtöpfen zwischen den Behausungen hin und her schippern. Der Tonle Sap, Südastasiens größter Süßwassersee, ist wieder mal zum Meer angeschwollen. Hat wie nach jedem Monsun an die 10.0000 Quadratkilometer Land überflutet. Ein paar Monate noch, und er wird auf über ein Fünftel seiner Größe ausgetrocknet sein. Geradezu surreal werden die Hütten der schwimmenden Dörfer dann auf ihren bis zu acht Meter hohen Stelzen in den Himmel ragen.

Bootsfrau mit Kind © Regina Fischer-Cohen

In den Schwimmenden Dörfern fährt man mit dem Boot vor die Haustür © Regina Fischer-Cohen

Auf dem Fluss in die Vergangenheit

»Es ist schön, anzukommen, aber wer sein Ziel bloß schnell erreichen will, ist kein Reisender«, philosophiert mein Sitznachbar Nhean in  gebrochenem Englisch, als ich mich tags darauf mit dem Slowboot vom Tonle Sap aus über den Sangker Fluss nach Batambang begebe. Der alte Kahn sieht alles andere als sicher aus, und von Komfort kann keine Rede sein. Doch Nhean, ein junger Mönch, der in der westlich gelegenen Provinzstadt Freunde besuchen will, ruht in seiner safrangelben Robe entspannt auf dem Sitz und lächelt weise. Reisen, um des Reisens Willens. Das sagt alles über diese exotische Flussfahrt, bei der es mindestens sechs Stunden lang übers Wasser geht. Vorbei an überfluteten Wäldern und Reis- und Lotusblütenfeldern. Hin zu entlegenen Fischerdörfern und einsamen Gehöften. Wo man in ein von Armut geprägtes archaisches Leben eintaucht, das oft noch genauso aussieht, wie es die Reliefs am Bayon-Tempel in Angkor zeigen. Einheimische Passagiere, bepackt mit schweren Bündeln und Körben, steigen aus und andere zu. Noch ein fröhliches Winken und weiter geht´s auf einer der reizvollsten Strecken des Landes. Hier ist der Weg tatsächlich das Ziel. Battambang selbst versprüht zwar kolonialen Charme, bietet Touristen sonst aber nicht viel. Weshalb ich wie die meisten dann auch schnell in die gut vier Autostunden entfernte Hauptstadt Phnom Penh weiterreise.

Lotusblumenfeld am Sangker Fluss © Regina Fischer-Cohen

Lotusblumenfeld am Sangker Fluss © Regina Fischer-Cohen

Partymetropole mit kolonialem Charme

»Sharky´s Bar, Meta House, FCC – The Mansion … in der Club- und Undergroundszene geht hier zurzeit richtig der Groove ab«, schwärmt Alan Ritchie, ein gefeierter britischer DJ, mit dem ich mich an der Riverfront am Sisowath Quay treffe. Malerisch zieht sich die Parkanlage über Kilometer am Westufer des Tonle Sap Flusses entlang, was sie zur beliebtesten Flaniermeile der Metropole macht. Hier, wo sich der gewaltige Mekong  mit seinen Nebenflüssen vereint, erstrahlt Phnom Penhs berühmteste Touristenattraktion: der königliche Palast mit der Silberpagode. Ebenfalls sehenswert sind im Umfeld noch das Nationalmuseum, der Central Market und die Tempel Wat Ounalom und Wat Phnom. Zur Happy Hour geht´s jetzt aber erst mal in den legendären Foreign Correspondance´ Club, wo man den kolonialen Charme dieser Stadt genießt. »Überbewertet«, meint Allen, gibt aber zu, dass man dort vom Balkon im zweiten Stock mit einem eisgekühlten Drink in der Hand die schönsten Sonnenuntergänge über dem Tonle Sap erleben kann. Unten am Quay und in den abgehenden Seitenstraßen wartet schon das Nachtleben mit jeder Menge Bars, Restaurants, Cafés, Shops und Galerien. Kurz vor Mitternacht ist Allen dann in seinem Element. »Let´s rock this city!«, feuert er die tanzwütige Menge im angesagten Pontoon Nightclub an und beschallt sie mit jenem krassen Mix aus sphärischen Technoklängen, Pop-Rock und traditioneller Khmer Musik, für den ihn die hiesige Szene so liebt.

Phnom Penh - Königspalast mit Silberpagode © Regina Fischer-Cohen

Phnom Penh – Königspalast mit Silberpagode © Regina Fischer-Cohen

Eine Trauminsel und der Fortschritt der Zeit

Am goldgelben Strand der Insel Koh Totang ist das Gesangskonzert am nächsten Abend von ganz anderer Natur: schrill, schräg – einfach nur tierisch. Die Percussion übernimmt jetzt die Meeresbrandung. Und als Special Effect zündet fluoreszierendes Plankton in den Tiefen des Golfs von Thailand eine höchst psychedelische Neonlichtshow. Da hebst du ab, ganz ohne Drogen und Alkohol. Grandios! dachten auch Ariane und Karim, als sie 2007 auf dem unberührten Eiland gestrandet waren. Ratzfatz hatte das Schweizer Paar einen Urwaldstrand von der ansässigen Fischerfamilie gepachtet, und dann ging´s mit dem Aufbau von Nomad`s Island los. »Nichts schien unmöglich«, lächelt Karim, der gerade ein Buch über dieses Abenteuer schreibt. Für ihn und Ariane ist das Kapitel abgeschlossen. Sie haben ihr Eco-Resort vor einem Jahr verkauft, um sich neue Herausforderungen zu suchen. Zum Glück setzt die aus Australien stammende neue Besitzerin Nicole das Konzept der beiden aber fort. Mit fünf  kleinen Bambusbungalows lädt sie hier auch weiter zur idyllischen Robinsonade ein. Und das zu einem wirklich erschwinglichen Preis. Auf der in Sichtweite gelegenen Festlandküste geht es dagegen längst ums ganz große Geld. Genauer gesagt: um 3,5 bis 8 Milliarden Dollars. So viel, schätzt der chinesische Union Group Investor, wird die Entwicklung der geplanten Superstadt im Stil von Las Vegas bzw. Macao dort kosten. Das erste Kasino-Resort mit Golfplatz hat bereits eröffnet. Ein Kreuzfahrschiffterminal soll bald folgen. Man ahnt, was das für die vorgelagerte Inselwelt bedeutet. Es ist einfach nur zum Heulen.

Paradise on Nomads Island © Regina Fischer-Cohen

Paradise on Nomad’s Land © Regina Fischer-Cohen

Die »Riviera Indochinas« ist erwacht

Besonders tragisch ist, dass das 44.000 Hektar große Küstenbaugrundstück zum kambodschanischen Boutum Sakor Nationalpark gehört, der sich durch seine Größe und außergewöhnliche  Biodiversität auszeichnet. Aber Kambodschas korrupte Staatsdienerschaft meint offenbar, dass man angesichts der Investitionssummen nicht zimperlich sein darf. Demnächst soll im östlich gelegenen Ream Nationalpark ein weiteres Großprojekt starten.  Kein Zweifel,  die internationale Investorenschar will die 440 Kilometer lange »Riviera Indochinas« jetzt mit aller Macht aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken. »Die Backpacker-Zeiten sind vorbei«, hört man bei der Ankunft auf der Halbinsel Sihanoukville an allen Ecken. Aber auch wenn es immer mehr Familien an die Strände dieses trubeligen Badeorts zieht, bleibt er doch vorerst eine Hochburg für Abenteurer und Aussteiger. Für die partyhungrigen Rucksacktouristen, die es seit jeher nach Koh Rong zieht, wird es allerdings eng. Dreiundvierzig Kilometer schneeweiße Traumstränge und sonst nichts außer Dschungel und ein paar Holzhütten. Hong Kong Immobilien Tycoon Martin Kaye traute seinen Augen nicht, als er die vom Dschungel überwucherte Insel vom Hubschrauber aus entdeckte. Gesehen, gekauft und jetzt wird gerodet! Kayes Vision ist eine luxuriöse Resort-Stadt mit Villenanlagen. Dafür wird hier sogar ein Flughafen entstehen. Aber noch feiert die Backpacker-Szene an ihrem Strand in Koh Touch. Wie gewohnt mit ganz viel Ganja und Alkohol, und so werden sie die lärmenden Bauarbeiten hier vielleicht noch ein paar Jahre überstehen.

Happy auf Nomads Island © Nomads Island

Robinson-Feeling © Nomad’s Land

Die letzten unberührten Inselparadise

Wer damit nicht klar kommt, lässt sich am besten auf der ebenso schönen kleinen Schwesterinsel Koh Rong Samloen anspülen. Zwar ist auch sie längst an Investoren verkauft, doch in absehbarer Zeit dürften hier wohl keine allzu dramatischen Kahlschläge stattfinden. Das gilt auch für die tropische Idylle auf Koh Ta Kiev, wo man unter Palmen und Kasuarinen fünf unkonventionelle Guesthouses findet. »Wir werden unsere Gästebungalows auf jeden Fall vierzig Jahre lang betreiben«, versichern mir die deutschen Auswanderer Avita und Michael, die einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen haben, bevor sie ihr eco-freundliches Backpacker-Resort auf der zum Ream Nationalpark gehörenden Insel Koh Thmei aufbauten. Natürlich drücke ich den beiden für die Zukunft fest die Daumen. Wenn ihr Kambodschas Küste und Inselwelt noch in alter Pracht erleben wollt, solltet ihr euch aber doch besser heut als morgen auf den Weg machen.

Insel-Idylle © Nomads Land

Tropische Insel-Idylle © Nomad’s Land

Die Reise fand mit Unterstützung von Thomas Cook statt (www.thomascook.de). Wer in einem gut organisierten, sicheren Rahmen reisen möchte, dem kann ich die große Kambodscha Rundreise dieses Veranstalters wirklich empfehlen. Höhepunkte sind der Besuch der Tempel Angkor Wat und Angkor Thom, der historischen Stadt Siam Reap und der Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh. Nach der Besichtigung brahmanischer Khmer-Tempel in Chiso Mountain geht es weiter nach Kep, einer kleinen Provinzstadt mit Kolonialhäusern. Auf der Rückfahrt haben die Teilnehmer die Möglichkeit sich während einiger Stopps in kleinen Dörfern mit den Dorfbewohnern zu unterhalten. Die  9-tägige Busrundreise startet in Siem Reap und kostet ab € 950 pro Person, inklusive Deutsch sprechender Reiseleitung, aller Eintrittsgelder, Übernachtung und Verpflegung laut Programm. Weitere Infos bekommt ihr übers Reisebüro.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Reise und Preise Verlags, der mich für die Reportage beauftragt hat (www.reise-preise.de).

4 Kommentare

  1. Annette Bokpe

    Gleich mit dem ersten Satz bin ich mitten drin… mittendrin im Leben, mittendrin in Kambodscha. Und dann hat sie mich wieder – wie schon so oft – gefangen mit ihren Sätzen voller Bilder …. man mag gar nicht aufhören. Und am Ende die Erkenntnis: Ich muss nach Kambodscha.
    Liebe Regina, danke für Ihre Worte voller Bilder und für Ihre Bilder voller Worte!
    Annette

  2. Liebe Annette,

    wow – danke für die netten Worte. Es freut mich, dass es mir gelungen ist, Sie mit meiner Reportage für Kambodscha zu begeistern. Und ja, Sie sollten sich dieses wunderschöne Abenteuerland unbedingt selbst anschauen. Wie schon im Artikel gesagt: Warten Sie damit nicht zu lange!

  3. Der Bericht weckt Errinnerungen. Ich hab die Stelzendörfer ohne Wasser erlebt. Faszinierend wie hoch die Gebäude dann sind.
    Herbb

    • Danke für deinen Beitrag, Herbb! Genau das ist es, was das Reisen ausmacht: Man erlebt so viel Faszinierendes und sammelt Erinnerungen, die einem niemand mehr nehmen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.