Wandern in Norddeutschland – ein total unterschätzter Spaß

Hier beginnt die Wandertour - der Ratzeburger See

Sonne, blauer Himmel, 30 Grad. Das perfekte Badewetter. Blöd war nur, dass ich ganz andere Pläne hatte. Ich wollte endlich mal wieder wandern. Eine Zweitagestour, das Zelt sollte mit, eine Campingmöglichkeit war gefunden. Doch schon der Blick auf die Wetterkarte trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Der Gedanke, mit vollem Gepäck bei schwülen 30 Grad durch Norddeutschland zu ziehen, war so gar nicht verlockend.

Ja, ich bin eine Genusswanderin. Es darf schon mal anstrengend und muss nicht immer allzu bequem sein. Doch bitte alles in Maßen. Außerdem war ich schon längere Zeit nicht mehr unterwegs und muss mich erst wieder „einlaufen“. Also musste eine Alternative zum eigenen Zelt her. Und die lautete: ein fremdes Zelt. Denn das Wakenitzhaus an der Nordspitze des Ratzeburger Sees, wo ich ohnehin campen wollte, vermietet neuerdings auch Safarizelte. Und da das noch nicht so bekannt ist, bekomme ich das Doppel-Zelt zum Einpersonenpreis.

Mit kleinerem Gepäck ging es also los. Wie immer auf den letzten Drücker. Ich bewundere Leute, die grundsätzlich 10 Minuten vor dem Aufbruch fertig sind. Schnell in den Bus gesprungen, eigentlich wollte ich noch Geld holen. Jetzt habe ich zwar keinen einzigen Euro im Portemonnaie, aber am Hauptbahnhof meinen Zug bekommen. In Ratzeburg führt mich daher mein erster Weg zur Tourist-Info, Bankinformationen einholen. Außerdem will ich hier noch einmal eine wichtige Frage diskutieren: West- oder Ostufer? Beide Seiten des Ratzeburger Sees hätten ihre Reize, sagt die nette Dame von der Information. Am Westufer führe der Weg die meiste Zeit direkt am See entlang. Landschaftlich abwechslungsreicher und hügeliger (ja, hier im Norden ist’s nicht nur flach) sei jedoch das Ostufer. Damit ist die Entscheidung gefallen, der Osten wird’s.

Das Grüne Band – früher Grenz- jetzt Naturschutzgebiet

Nur einige Kilometer nördlich vom schleswig-holsteinischen Ratzeburg verlief die deutsch-deutsche Grenze – direkt am See entlang. Die Bewohner der mecklenburgischen Dörfer Campow und Utecht haben das Wasser zwar direkt vor der Nase. Ans Ufer gehen, geschweige denn im See baden, konnten sie zu DDR-Zeiten jedoch nicht. Die Grenze ist zum Glück Geschichte. Geblieben ist viel Natur, die sich damals in dem breiten Grenzstreifen (fast) ungehindert entwickeln konnte. Bekannt ist dieser Streifen, der sich einmal quer durch Deutschland zieht, heute als das „Grüne Band“.

Reetdachhäuser in Campow am Ratzeburger See

Das hübsche Campow – geht es noch lauschiger?

Schon kurz hinter Ratzeburg geht es los, ein Naturschutzgebiet reiht sich ans andere. Lustig finde ich die Schilder, auf denen vor der Natur gewarnt wird: Achtung! Im Wald können Äste herunterfallen! Der Hintergrund: hier wird nicht „aufgeräumt“, die Natur darf weitgehend machen, was sie will. Sie kann’s doch schließlich auch am besten.

Achtung, Natur!

Hier wachsen die Buchen in den Himmel

Mal ist es dichter Buchenwald, dann eine offene Graslandschaft, die ich für mich auf den Namen „Norddeutsche Prärie“ taufe. Sanft wiegen sich die Gräser, Blumen und Kräuter im Wind, es surrt und flattert überall. So etwas habe ich hier bei uns schon lange nicht mehr gesehen.

An einer kleinen Pfütze auf dem Weg machen sich Schwalben zu schaffen. Sie baden, denke ich, ist ja auch heiß. Aber nein, sie sammeln Baumaterial für ihre Nester, die sie dann kunstvoll den Menschen unters Dach pappen.

Wo sich noch hohe Gräser sanft im Wind wiegen – die „Norddeutsche Prärie“

 

Fleißige Baumeister, die man leider nicht mehr so häufig sieht

Wanderer in Norddeutschland: exotische Wesen

Außer mir ist niemand zu sehen. Ab und zu kommen mal Radfahrer vorbei. Ich grüße freundlich, die meisten grüßen freundlich zurück, aber komisch gucken tun sie eigentlich alle. Als Wanderin ist man hier eine ziemlich exotische Gestalt. Während meiner gesamten Tour bin ich nur zwei Pärchen begegnet, die auch zu Fuß unterwegs waren.

Wanderer am Ratzeburger See

Ganz klein unter den Baumriesen – meine unbekannten „Wanderkollegen“

Mir ist ja Radfahren schon zu schnell. Da bekommt man zu wenig von allem mit, finde ich. Beim Wandern ist man so ganz nah dran, sieht und hört auch die kleinen Schönheiten und Wunder. Ich bleibe immer wieder stehen und lasse alles auf mich wirken. Schon deshalb plane ich meine Touren, wenn möglich, nicht zu lang. So 12 bis 15 Kilometer finde ich optimal, 20 sind auch noch ok. Bei allem was darüber liegt, wird die Umgebung in der ich wandere, irgendwie beliebig. Denn mir bleibt dann zu wenig Zeit, diese auch ausgiebig zu genießen.

Blick vom Wanderweg auf den Ratzeburger See

Was für ein Ausblick – der Ratzeburger See

Apropos genießen: Auf meiner Wanderkarte prangt bei Utecht verführerisch das Zeichen für einen „Imbiss“. Dahinter verbirgt sich das Café Eisvogel und weil sich das irgendwie vielversprechend anhört, hatte ich schnell beschlossen, dort eine gemütliche Pause einzulegen. Obwohl es nur ein paar Kilometer vor Rotenhusen liegt. Wie gehabt, sehe ich mich im lauschigen Garten einer Übermacht von Radfahrern gegenüber.

Wanderpause im Café Eisvogel in Utecht

Das hab‘ ich mir verdient…

Am Tisch neben mir nimmt eine Gruppe „Silver Ager“ Platz. Netter Gruß, neugierige Blicke. Irgendwann halten sie es nicht mehr aus: „Sind Sie zu Fuß unterwegs?“ Ja, sage ich und erkläre kurz meine Tour. Ehrfürchtiges Schweigen. Dann: „Ganz alleine?“ Äh, ja… Respektvolles, aber auch besorgtes Nicken. Eine Frau alleine unterwegs… Wir sind mitten in Deutschland, wohlgemerkt. Wäre ich ein Mann, wären die Reaktionen sicher anders. Ist es wirklich die Normalität, dass Leute gleich an „riskant“ denken, wenn Frauen alleine unterwegs sind? Was sagt uns das?

Auch Exoten: südamerikanische Nandus in Mecklenburg

In der Touristinfo in Ratzeburg hatte ich noch eine andere Info eingeholt: besteht die Chance auf eine Nandu-Sichtung? Vor einigen Jahren sind mal einige der großen südamerikanischen Laufvögel von einer Farm ausgebüxt. Nun fühlen sich inzwischen mindestens 100 Tiere hier in der mecklenburgischen Steppe ganz wohl. Und siehe da: auf einem Feld stehen (ziemlich weit hinten) zwei braun-beige Gestalten. Durchs Fernglas die Bestätigung: dort stolzieren tatsächlich zwei Nandus herum, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

Hatte nur meine kleine Kamera dabei – aber dieser Nandu auf dem Feld ist schon ganz schön schräg…

 

Achtung! Otter kreuzen! Schön wär’s, wenn sich alle Autofahrer dran halten würden…

Mein Zieleinlauf ist nicht besonders beeindruckend. Die Wakenitz kündig sich mit Otter-Warnschildern am Straßenrand an, von der Brücke aus ist das Camp zu sehen. Es ist ordentlich was los, die Kanuten kommen gerade alle zurück. Viel Jungvolk. Einer von ihnen sagt doch tatsächlich zu mir: „Sie sehen aus, als wären sie heute schon weit gewandert.“ Eine Frage der Interpretation: wirke ich „zünftig“ oder so derangiert, dass man Mitleid mit mir haben muss? Egal, denke ich. Ein Bad im Ratzeburger See wird’s schon richten.

Ratzeburger See

Einmal Abkühlen bitte – der Ratzeburger See

Mein ganz persönliches Safarizelt

Mietzelt beim Wakenitzhaus

Erstmal ein Alsterwasser, dann Einrichten (gut, ich sehe schon ein bisschen zerzaust aus…)

Der Amazonas des Nordens: die Wakenitz

Der zweite Tag, ich bin neugierig auf den Amazonas des Nordens. Die Ufer der Wakenitz sind geschütztes Gebiet, mit einer reichen Tierwelt (Wasservögel, Biber, Otter und Co.), die nicht gestört werden soll. Auch deshalb führt der Weg nur selten direkt am Fluss entlang, sondern mäandert durch die Landschaft. Mal durch einen Erlenbruchwald – Kranichland, ich habe natürlich keine gesehen, aber gehört! – dann durch eine sanfte Kulturlandschaft, die von Biohöfen bewirtschaftet wird. Im Erlenwald entdecke ich begeistert Pflanzen, die auch an meinem kleinen – von Fröschen geliebten – Minigartenteich wachsen. In der Kulturlandschaft sehe ich endlich mal mobile Hühnerställe. Wie immer komme ich nicht so richtig voran.

Wandern in Norddeutschland auf dem Drägerweg

Amazonasfeeling in Norddeutschland – die Erlenbruchwälder an der Wakenitz

Typischer Wakenitz Bewohner: ein Frosch

Hatte kurz überlegt, habe ihn dann aber doch nicht geküsst…

Kulturlandschaft am Drägerweg

Ach, so sah es oft aus, bevor die Agrarindustrie das Land mit Monokulturen überzogen hat…

Wandern auf dem Drägerweg

Glückliche Hühner

Dann jedoch führt der Weg in einen Wald. Fichten, Kiefern, Laubbäume, sieht eigentlich alles ganz normal aus. Ich habe Durst und bleibe stehen. Sofort stürzt sich eine Mückenarmada auf mich. Der norddeutsche Amazonas lässt grüßen. Natürlich habe ich KEIN Mückenspray dabei. Es hilft also nur eines: Tempo machen, nicht stehenbleiben. Und tatsächlich – die Mücken lassen sich abhängen.

Wandern in Norddeutschland an der Wakenitz auf dem Drägerweg

Sieht harmlos aus – bis man stehen bleibt…

Lange Zeit treffe ich kaum andere Leute. Hin und wieder kommt mal ein Radfahrer vorbei. Nach einer Wegkreuzung ist dann plötzlich alles anders. Ich höre Stimmen – und zwar nicht in meinem Kopf. Auf der Wakenitz sind Kanufahrer unterwegs, eine Gruppe macht gerade am Ufer Pause, Radfahrer düsen an mir vorbei. Im Vergleich zu vorher ist plötzlich richtig was los. Das kann nur eines bedeuten: ich habe Lübeck erreicht. Deshalb suche ich mir auch ein Plätzchen, hole den obligatorischen Müsliriegel raus und plane meine weitere Strategie: bis zum Lübecker Bahnhof weiterlaufen oder abkürzen und den Bus dorthin nehmen. Im Osten ist noch alles schön, aber von Westen ziehen dunkle Wolken auf – es sind Gewitter angekündigt. Der Gedanke an die vielen Ostseeausflügler, mit denen ich mich später am Tag in den Zug drängeln müsste, gibt schließlich den Ausschlag, es wird der Bus.

Die Wakenitz, Amazonas des Nordens

Manchmal machen die Menschen auch was richtig: die wunderbare Wasserlandschaft der Wakenitz ist durch Stauung entstanden

Ein bisschen wehmütig biege ich ab. Die Tour hat mir so gut gefallen, dass ich sie sicher noch einmal machen werde – in der umgekehrten Richtung. Und dann werde ich auch etwas anders planen, denn eine Tour mit dem Kanu oder Kajak auf der Wakenitz muss nächstes Mal unbedingt drin sein.

Hin- und wegkommen: mit der Bahn ab Hamburg nach Ratzeburg (HVV-Tarif!) oder Lübeck. Auch zwischen Lübeck und Ratzeburg gibt es regelmäßige Bahnverbindungen

Die Tour: Am ersten Tag vom Ratzeburger Bahnhof bis nach Rotenhusen ca. 15 Kilometer. Zweiter Tag: von Rotenhusen zum Lübecker Hauptbahnhof ca. 18 Kilometer, bis zur Bushaltestelle „Grönauer Baum“ ca. 12 Kilometer

Abkürzen: für die Tagestour entlang der Wakenitz ab/nach Lübeck für eine Richtung die Wakenitz Schiffslinie nutzen. Auch auf dem Ratzeburger See lässt sich eine Strecke mit dem Schiff zurücklegen

Übernachten: Das Wakenitzhaus in Rotenhusen liegt auf halbem Weg, dort könnt ihr euer Zelt aufschlagen, ein Zelt oder auch ein Zimmer mieten. Praktisch: hier werden auch gleich Kanus und Kajaks vermietet

 

 

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