Alt werden ist nichts für Feiglinge

Schräger alter Vogel sucht Anschluss auf Reisen © Regina Fischer-Cohen

»Moin Regina, seit heute ist es nun offiziell: Ich bin jetzt auch Seniorin. Und du überhaupt schon lange ;-)). Wenn ich nicht schon eine Krise hätte, würde ich sie jetzt kriegen. Aaargh!« schrieb Elke mir vor Kurzem entnervt in einer Mail.

Den Grund für ihren Frust hatte sie als Link gleich beigefügt: eine Pressemeldung über das Startup-Unternehmen Freebird-Club, das nach dem Prinzip von Airbnb funktioniert. Heißt, man kann über das Portal die eigene Wohnung oder das Haus als Urlaubsunterkunft anbieten bzw. für sich selbst ein entsprechendes Übernachtungsangebot heraussuchen. Freebird-Club-Gründer Peter Mangan wendet sich mit seiner Reise- und Gastgeberplattform allerdings ausschließlich an Senioren, und im Gegensatz zu Airbnb sieht sein Konzept vor, dass Gastgeber und Gäste zusammenwohnen und möglichst auch gemeinsam etwas unternehmen. So will er – wie es in der Pressemeldung heißt – »ältere Menschen zusammenbringen und damit der Alterseinsamkeit entgegenwirken.« Eigentlich ist das ja ein toller Gedanke, wenn da nicht dieser Nebensatz wäre, in dem steht: »ältere Menschen ab 50…« Ab fünfzig ??? HALLO!? Hast du sie noch alle, Peter? Das ist doch voll der Jugendwahn.

Freebird: Alt und vogelfrei ab 50

Puh…, wie ihr merkt, ist auch mein Ego beim Lesen der Meldung ziemlich hochgekocht. Wenn ich jetzt allerdings mit etwas Abstand noch mal drüber nachdenke, muss ich gestehen, dass ich in jungen Jahren viel extremer übers Alter geurteilt habe. Ich wollte mich nämlich allen Ernstes in den legendären Club 27 einreihen, jung sterben wie Jimmy Hendrix und Janis Joplin. Nur, um nicht zum Spießer zu mutieren. Was damals in meinen Augen automatisch mit Menschen ab dreißig geschah. Aber ihr ahnt es sicher schon: Als ich dann einen gefühlten Augenblick später meinen dreißigsten Geburtstag mit einer wilden Party abgefeiert habe, dachte ich bloß, wie cool ist das denn? – jetzt fängt das Leben ja erst richtig an. Und genauso empfand ich es an meinem vierzigsten Geburtstag. Gut, ich will nichts beschönigen – die 50 war schwer zu schlucken. Aber ganz ehrlich: Nach der anfänglichen Panik ließ es sich auch damit bestens leben. Und jetzt behauptet dieser junge Freak einfach kackfrech, dass ich zu den älteren Menschen  gehöre. Zu den Best Agers, Silver Agers, Goldies, Woopies…, WAHNSINN! Alt werden ist echt nichts für Feiglinge, wusste ja schon Hollywood-Diva Mae West. Andererseits – was soll´s? Jeder, der seine Jugend überlebt, kommt zwangsläufig an diesem Punkt an. Nur ahnt man mit Anfang zwanzig nicht, wie schnell das geht.

Sehnsuchtsziele auf der Bucket-Liste

Zum Glück sehe ich bis jetzt eher  die Vorteile meines Alters. In meinem Herzen bin ich noch immer das verrückte junge Huhn von einst, und mein Körper wird nach wie vor kräftig vom Fernweh beflügelt, aber ich muss mir heute nichts mehr beweisen. Als man mich, beispielsweise, im Rahmen meiner Coloradoreportage zum Bungee-Jumping auf die Royal Gorge Suspension Bridge in Colorado eingeladen hat, bin natürlich hingegangen und habe das traumhafte Panorama genossen. Aber aus  321 Metern Höhe springen? Never ever! Ich kenne mich lang genug, um zu wissen, dass es mir nach so einem Adrenalinkick kein Stück besser gehen würde. Außerdem bin ich in meinem Leben oft genug ins kalte Wasser gesprungen und habe mir so meinen Mut bewiesen. Sollte ich eines Tages also doch noch einmal von einer Brücke springen wollen, dann garantiert ohne Gummiband. Apropos: Da ich jung sterben wollte, habe ich meine Bucket-Liste natürlich längst abgehakt.  Alles erledigt. Es gibt für mich tatsächlich keine Sehnsuchtsziele mehr, die ich unbedingt noch sehen  müsste, bevor ich eines Tages den Löffel abgebe. Aber es gibt unzählige Fleckchen auf dieser Erde, die ich immer wieder gern bereisen würde. Darunter magische Orte, die mich mit Glück erfüllen, wenn ich nur daran denke. Nichts muss, aber alles kann in meinem Leben noch passieren.  Wie genial ist das denn, bitte schön? Und wenn dieses irre Glücksgefühl ab heute mit dem Begriff  „Senior“ verbunden ist – so what? Man muss das Ganze einfach positiv belegen. »Senior-life-expert« klingt als Titel doch zum Beispiel ganz sexy. Da denkt jeder an einen charismatischen Menschen in gut dotierter Führungsposition. Vielleicht werden Elke und ich uns das demnächst sogar auf die Visitenkarte drucken lassen, und irgendwann melden wir uns dann auch bei  den Freebirds an. Wäre doch voll abgefahren, wenn sich dort noch ein paar verrückte Vögel ausmachen ließen, mit denen man um die Welt fliegen kann. YOLO!

2 Kommentare

  1. Liebe Regina!
    Super, wenn ich das so lese, verliere ich gleich die Angst vor dem Alter.
    Auch ich reise gerne und wünsche mir auch Jenseits der 50 noch ganz viel ‚Spiel, Spaß und Schokolade ähhh Unterhaltung’……. 🙂
    Da kommt die Idee, in fremde Länder zu reisen und mit dem Zimmer gleich auch den Familienanschluss mitzubuchen, gerade recht.
    Was gibt es Schöneres als die Welt zu bereisen und neue Freunde zu finden. Umgekehrt kann ich mir auch gut vorstellen als Gastgeber zu fungieren und meine Stadt meinen Gästen näher zu bringen.
    Fast schade, dass ich noch etliche Jahre warten muss, bis ich mich bei den Freebirds anmelden kann. Aber spätestens wenn es soweit ist, hast du noch einen verrückten Vogel mehr, mit dem du um die Welt fliegen kannst. Freue mich schon auf dich und die anderen ‚ewig jung gebliebenen‘. Liebe Grüße Stefanie

    • Hi Stefanie,
      😉 verrückte Vögel sind mir immer die liebsten. Lass dir mit dem Altwerden aber bloß Zeit. Wenn du auf Reisen Familienanschluss suchst, musst du nicht auf die Freebird-Mitgliedschaft warten. Neben Airbnb findest du z. B. über Wimdu, 9flats, fewo-direkt und e-domizil zahlreiche private Übernachtungsangebote. Schau dir die Bewertungen von den anderen Reisenden genau an. Dann findest du garantiert ein paar nette Gastgeber, die sich vor Ort auch um dich kümmern werden.

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